2020 ist noch jung, aber diese Zahlen aus dem vergangenen Jahr haben mich bereits optimistisch gestimmt: Cindy Gallop hat 2019 auf ihrer Plattform „Make Love Not Porn“ knapp eine Million User*innen gezählt, die fast 37.000 Stunden sexpositive Pornos geguckt haben.

Diese Zahlen sind deshalb so wichtig, weil Pornografie in der öffentlichen Wahrnehmung oft bloß eins ist: Die ausnahmslose Erniedrigung und Ausbeutung von Frauen für Männer, die sich mit Kleenexboxen auf dem Schoß im Heimkeller einen runterholen. Wenn frau das geflissentlich ignoriert, sieht sie auch kein Problem damit.

Wegsehen ändert aber nichts an den Zahlen derjenigen, die eben doch hinsehen: Bis zu 15 Prozent aller Inhalte im Netz sind pornografisch – Anzahl genauso steigend wie die der User*innen. Und während Pornos gucken für viele so alltäglich ist wie Zähneputzen, hat sich an der Diskussion, inwiefern Pornokonsum schädlich ist, nicht viel geändert. Im Gegenteil: Hat man sich vor zehn Jahren bloß Sorgen um die vermeintliche „Generation Porno“ gemacht, sind nun alle visuell Erregbaren unter Generalverdacht, von medial inszenierten Sex- und Körperstereotypen negativ beeinflusst zu werden.

Wenn sich so viel Sorgen um Sexismus, Rassismus und Körperbilder in anderen Bereichen unserer gesellschaftlichen Realität gemacht würde, wie in Bezug auf Pornos, dann wäre Heidi Klum arbeitslos und die Unterhaltungsbranche Geschichte.

Das ist das Eine. Das andere aber ist, dass Mainstreamporno nun mal weitgehend Schrott ist – sowohl von den Arbeitsbedingungen am Set als auch den wenig abwechslungsreichen Inhalten. Natürlich kann man*frau sich das ansehen und als gut genug für einen Solosex-Quickie befinden. Das habe ich selbst jahrelang getan. Bis die Suche nach einem geeigneten YouPorn-Clip, der weder Gähnen noch Augenrollen provozierte, mehr Zeit beanspruchte, als eine DVD aus meinem feministischen Pornoregal zu fischen. Und um ehrlich zu sein: Ich konnte meine innere feministische Stimme nicht länger einfach wegrubbeln. Wollen wir die Welt verändern, müssen wir bei unserer Selbstbefriedigung beginnen.

Der feministische Auftrag, eine Sexualität zu etablieren, die von Gleichberechtigung, Konsens und individuell verhandelter Freiräume geprägt ist, kommt nun mal nicht an Pornos vorbei. Statt sich um die Jugend oder um zu exzessive Konsument*innen zu sorgen, können wir Pornos als positiven Einfluss auf unsere Sexualität gestalten. Dazu müssen wir nicht mal Fans des Genres sein. Egal, ob Duschkopf-Fetischisti*nnen oder Dildo-Besitzer*innen, Film-Freund*innen oder Onanie-Abstinenzler*innen, Porno als politische Partizipation geht uns alle an.

Tolle Vorbilder gibt es bereits: Regisseur*innen und Produzent*innen wie Erika Lust, Jennifer Lyon Bell, die Macher*innen des PorYes-Festivals, der pornografischen Filmkomödie Schnick Schnack Schnuck, des Arthouse Vienna und viele andere. Selbst die Berliner SPD hat im vergangenen Jahr einen Antrag auf staatliche Filmförderung feministischer Pornos als sexpositive Aufklärungsmaterialien gestellt.

Das alles mag ein Tropfen Sperma im Ejakulat des Mainstreampornos sein, aber warum sollte er nicht fruchten?

Als Erika Lust 2004 ihre Produktionsfirma Lust Productions gründete, hatte sie mehr im Sinn, als bloß „Pornos für Frauen“ zu drehen. Sie wollte die Pornobranche revolutionieren und war sich sicher: Je mehr Frauen ihre eigenen Fantasien teilen, inszenieren, dokumentieren, desto breiter und diverser wird das pornografische Angebot. Und damit der Einfluss auf eine Sexualität, die sich freier von überholten Mainstreamnormen entfalten kann. Begreifen wir das politische Potential von Pornografie, verändern wir nicht nur unser eigenes Intimleben, wir gestalten auch gesellschaftliche Bilder von Lust und Sexualität. Statt die Hände in den Schoß zu legen, um latent genervt zu miesen YouPorn-Clips zu masturbieren, können unterschiedliche Formen von Unterstützung sexpositive Projekte voranbringen. Nehmt Geld in die Hand, um feministische Pornoseiten zu unterstützen, verschenkt Abos an Freund*innen, folgt fairen Pornoplattformen, übernehmt Verantwortung für die Befriedigung in eurem Umfeld!

Das bedeutet nicht, dass man*frau nicht auch Gefallen an herkömmlichen Hardcore-Inhalten finden kann. Pornografie muss auch immer sexuelle Utopie sein dürfen. Aber es darf keine faule Ausrede sein, sich seiner politischen Verantwortung zu entziehen. So wie wir die Möglichkeit haben, unsere Flugscham mit CO2-Kompensation zu verantworten, können wir unsere visuell stimulierende Lust an uns selbst mit der Unterstützung sexpositiver Aktivist*innen ausgleichen. Fair enough!

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