Ich komme gerade aus dem Sommerurlaub aus einem England, dessen grüne Wiesen trocken und gelb sind, wie ich es noch nie gesehen habe. Der Klimawandel wäre Grund genug, sich Sorgen zu machen. Mit den grünen Hügeln ist aber auch „The Guardian“ verschwunden, die einzige vernünftige Zeitung, die Großbritannien noch zu bieten hatte. Es gibt sie nur noch vereinzelt – hauptsächlich in London – in Print zu kaufen, außerhalb Londons sah ich nur die Daily Telegraph und Times in den Auslagen, rechtskonservative Zeitungen, deren reißerische Schlagzeilen mit der BILD-Zeitung mithalten, während die SUN und die Daily Mail noch einige Niveaus weiter darunter anzusiedeln sind.

Ich liebe die Brit*innen, aber mit vielen von ihnen hatte ich schwere Gespräche diesen Sommer um Brexit, Trump, Verschwörungstheorien und den afrikanischen Kontinent. Schwer nicht, weil ich es nicht aushalten kann, wenn es andere Meinungen gibt. Schwer, weil für abstruse Verschwörungstheorien und Generalaussagen über Geflüchtete keine Quellen oder Belege angeführt werden konnten. „Das ist einfach so!“ sagt sich einfach in einem Land, in dem Zeitungen Politik machen und ihre einseitigen Wahrheiten nicht als solche kennzeichnen müssen. Wo jegliche journalistische Etikette über Bord gegangen ist und es die noch um Neutralität bemühten Medien sind, die als „Fake News“ beschimpft werden.

Es macht mir furchtbar Angst, wenn ich überall die gleichen Geschichten höre, die ungeprüft weitergegeben und erzählt werden.

Wie Märchen erzählt man sich die großen Mythen („Aber so ist es doch wirklich! Das muss man doch mal sagen dürfen!“) damit es sich sicher und geborgen fühlt in einer Welt, die sich zu schnell dreht und Unmengen von Informationen bereithält. Gerade bei der älteren Generation kann ich fast verstehen, wenn sie Cambridge Analytica-Opfer auf Facebook werden und „Q“ feiern: Weil sie die technische Entwicklung überrollt hat, ihnen niemand beigebracht hat, kritisch mit dem Internet umzugehen und früher sowieso alles besser war. Aber inzwischen glauben auch immer mehr junge Menschen, vorrangig in Großbritannien und den USA, an einen von Obama, Clinton Hollywood geführte Pädophilie-Ring und die Nicht-Existenz des Klimawandels. Das grenzt an eine internationale Psychose. Dabei ist die wirkliche Verschwörung die Weigerung konservativer Regierungen, Geld für Bildung auszugeben. So können nicht-akademisierte Wähler*innen gesichert und die Bevölkerung unfähig gehalten werden, konservative Schlagzeilen zu hinterfragen. Und das ist hochgefährlich für Aufklärung, Fortschritt und Gleichberechtigung.

„Die QAnon-Bewegung demonstriert wieder einmal, wie tief das Vertrauen in die traditionellen Medien erschüttert ist. So mancher bevorzugt es inzwischen, einem ominösen Q zu glauben, als ausgebildeten Reportern und Journalisten, die mit Namen und Gesicht hinter ihren Berichten stehen.“  Stern

Wenn ich als Jugendliche in der Schule NS-Reden analysierte und glaubte, so dummgläubig könnten Menschen nie wieder sein, ist es ganz schleichend passiert: Menschen glauben wieder Führer*innen mit schmissigen Parolen und warten auf den „großen Sturm“.

Was man in den letzten Tagen in unserer Presse über QAnon las ist keine Randerscheinung mehr, die wir ignorieren können. Und gerade deshalb können wir es uns nicht leisten, zu warten, bis dieser Wahnsinn wieder vorbeizieht. Es ist nur ein Lösungsansatz von vielen, aber: Wir müssen weniger komplex werden. Wir müssen mit ebensolch einfachen Sätzen und einem Hauch Geborgenheit genau das ausstrahlen, was rechtsradikale Verschwörungsanhänger in dem Glauben an „den Sturm“ beruhigt: Das alles gut wird. Deshalb arbeiten wir bei Pinkstinks gerade an einem heiteren kleinen Buch, das mit Leichtigkeit und Humor Geschlechterklischees wiederlegt. Wir wollen wieder mehr Blogeinträge schreiben, die für alle lesbar sind und weniger Fremdwörter enthalten. Auch wir müssen uns immer wieder auf die Finger klopfen, Zusammenhänge nicht zu sehr zu verdichten oder wenn wir es tun, auch wieder einen basisinformativen Blogeintrag hinterher zu schieben. Es ist sauschwer, im Gespräch zu bleiben, aber es lohnt sich. Wenn ich mit einer „Challenge“ aus der Sommerpause wiederkomme, ist es genau diese: Freundlich bleiben, in Kommunikation bleiben, nicht aufgeben. „Das lohnt sich doch nicht bei denen“ ist genau der Gegenmythos, den wir uns nicht ständig erzählen sollten, um es uns einfach zu machen. Denn wenn unsere Gegenseite neben „Das ist aber so!“ das Argument anführt, sie würden eine*n Muslim*in, Menschen of Colour, Feminist*in etc. kennen, der*die aber genau soundso böse ist, kennt jede*r von uns den einen Menschen, der sich durch gute Argumente von radikalen Positionen wegbewegen lies. Also! Für den einen lohnt es sich schon.

Wir freuen uns auf das zweite Halbjahr mit euch!

Eure Stevie mit dem Pinkstinks-Team

Bildquelle schwarzweiß: Becker1999, flickr.