Meine Tochter kam neulich vom Sommerschlussverkauf-Shoppen mit ihrer besten Freundin nach Hause und war überglücklich. Zehn wunderbare Kleidungsstücke für das Gehalt von zweimal Babysitten! Endorphin-berauscht hüpfte sie durch ihr Zimmer und zeigte stolz ihre Ausbeute vor, als ich nach Hause kam.

Ich war müde von der Arbeit und überfordert vom pädagogischen Anspruch, den ich an mich stelle. Was sollte ich eigentlich zuerst kommentieren: Wie viel Tonnen Farbchemikalien jährlich im indischen Grundwasser landen, das aufgrund der Baumwollausbeute eh zu niedrig ist? Wie hoch ihr Babysitter-Lohn ist im Vergleich zu dem einer Näherin in Bangladesch? Dass es geradezu stänke, wie viel Modeteile die Kinder heute im Schrank haben und wie viel jährlich weggeschmissen wurde?

Bevor ich das alles rausposaunte, quälte mich außerdem die Frage, wessen Problem das alles war. Meins, ihres oder das der Modefirmen? Wer musste sich jetzt schlecht fühlen?

Das war ja nur der erste Themenkomplex. Der zweite sah so aus: „Das, was du „eleganten Jumpsuit-Shorty“ nennst nannten wir früher „Baby-Doll“ und wurde im Bett getragen!“ Erklärte ich ihr jetzt, dass sie vorhatte in etwas zur Schule zu gehen, was Erwachsene in meinem Alter als Negligé identifizieren? Was zum Teufel machte die Mode mit ihr?

Ich glaube, ich tat etwas relativ Schlaues: Ich hielt, so weit es ging, meine Klappe. „Nicht beschämen, das ist ein gesellschaftliches und verdammt noch mal nicht ihr Problem!“ betete ich mir Mantra-artig vor und schloss meinen ersten Erguss mit einer Entschuldigung: „Weißt du was, ich bin durcheinander. Ich habe lauter Bilder im Kopf, die zu meiner Zeit und meiner Deutung von Kleidung gehören und bin unsicher, was davon wirklich dich betrifft. Du sollst anziehen, was du schön findest. Was ich aber nicht will, ist, dass deine Lehrer*innen sich verarscht fühlen, weil sie in Arbeitsklamotten und du im Pyjama oder Beach-Style zur Schule gehst. Ich muss da noch drauf rum denken. Aber am liebsten wär’s mir, deine Lehrer*innen würden mal eine Ansage machen, wie man zur Schule zu gehen hat.“

Meine Tochter antwortete ziemlich klug, dass dann Jungs aber auch nicht in ihren labberigen und dreckigen Jogginghosen in die Schule kommen sollten. Und schreibt man jetzt Familien vor, wie viele und welche Hosen sie im Schrank haben sollen und wie oft die zu waschen seien? Schuluniformen, bei unserer gesamt- und ostdeutschen Geschichte? Ich gab auf und ging ins Bett.

Wirklich hilfreich war eine Diskussion am nächsten Morgen mit unserer jüngsten Mitarbeiterin, die zwischen meiner und der Generation meiner Tochter liegt. Laura, die unseren Shop betreibt, erzählte von ihrer eigenen jugendlichen Mode-Experimentierphase in der ihre Eltern das für sie Richtige taten. Sie setzten sie eines Nachmittags auf die Terrasse mit der Ankündigung eines pädagogischen Gesprächs. Auch wenn sie damals die Augen rollte waren die Worte der Eltern rückblickend ausreichend und perfekt. Sie erklärten, dass ihre Outfits Bilder erwecken könnten, die sie selbst noch nicht einschätzen, die aber nichts mit ihr als Person zu tun hätten. Alles, was die Eltern baten, war, dass sie auf sich aufpasse, weil da draußen Idioten mit extrem blöden Sprüchen und manchmal auch Ansprüchen herumlaufen würden. Mehr brauchte sie nicht, um zu verstehen, dass sie ok war, wie sie war, aber es irgendwo ein Problem gab, dass man nicht leugnen konnte.

Mädchen werden nicht vergewaltigt, weil sie das Falsche anhaben. Aber in unseren erwachsenen Hirnen lungern die körperbeschämenden Schlagzeilen unserer Medien, das „Boa, die will es aber richtig wissen!“ unserer Generation. Dem Gegenüber steht eine junge Riege, die „Dies ist ein Kleidungsstück, keine Einladung!“ auf den T-Shirts stehen hat oder zumindest in den Köpfen. Das ist gut so! Und trotzdem wird diese Generation von der Wirtschaft wie nie zuvor verführt, ihren Körper als Währung einzusetzen und sich durch Kleidung und Make-Up zu ermächtigen. Auf beides müssen wir sie hinweisen, ohne ihnen das Gefühl zu geben, dass die Lösung auf ihren jungen Schultern liegt. Das ist schwierig, komplex, und bedarf keiner kurzen Imperative wie „So gehst du nicht zur Schule!“. Es bedarf einer Erklärung unserer Sorgen und den Respekt, sie experimentieren zu lassen. Es wird dabei niemand zu Schaden kommen außer die Lehrer*innen, die vor Neid erblassen, weil sie bei dieser Hitze selbst gerne in Hotpants zur Arbeit gehen würden. Wenn da nicht die Eltern wären, die das tiefe Dekolleté einer Lehrerin oder den Lehrer im kurzen Kleid unmöglich fänden.

Pinkstinks kämpft für Vielfalt. Wenn wir Grundschulkindern predigen, dass sie anziehen dürfen, was sie wollen, sollten das auch die Erwachsenen tun. In einer Welt, in der man bei der Arbeit nur „richtig“ ist mit dem richtigen Anzug, nur professionell mit dem „richtigen“ Outfit ist, ist die Frage berechtigt, was wir den Jugendlichen, die dazwischen stecken, predigen. Ich habe da noch keine befriedigende Antwort drauf. Heute Abend gebe ich einen Vortrag und es nervt mich schon jetzt, dass ich überlege, was ich anziehe, um souverän, funky, Punk und gleichzeitig als Frau Dr. zu wirken. Nicht zu sexy, nicht zu trutschig. Ganz ehrlich: Vielleicht gehe ich einfach im „eleganten Jumpsuit-Shorty“ meiner Tochter. Die können mich mal.

Alles Liebe! Eure Stevie