Da dachte ich, dass bei der diesjährigen Oscar-Verleihung der Aufreger wie sonst der sei, dass in der Kategorie Regie keine Frau nominiert war. Das war natürlich auch so, aber aus feministischen Gründen hängengeblieben ist bei mir dieses Mal etwas anderes, nämlich, dass die Academy of Motion Picture Arts and Science sich weigerte, während der Award Show einen Werbefilm zu zeigen. Den hier:

Im Film werden Produkte beworben, die nach der Geburt hilfreich sind. Ebenfalls hilfreich ist, dass der Film das sehr natürlich zeigt: Eine Frau, die offensichtlich vor Kurzem ein Kind geboren hat, quält sich aufs Klo, um zu pinkeln, was nach einer Geburt ebenfalls eine Quälerei sein kann. Sie klebt sich in ihre Netzunterhose angestrengt eine neue Binde, was schwierig ist, weil sie die Größe eines herkömmlichen Kantinentabletts hat, auf dem ein Quadratmeter Dämmmaterial liegt. Die Lösung: die praktischeren Produkte der Firma, die ihren Film nicht zeigen durfte, weil er der Akademie zu grafisch war. Ihnen fehlte anscheinend die glowing Postpartum-Happiness, die verzauberte Nähe der innigen Stillsituationen (OHNE NIPPEL) und die junge Mutter, die direkt aus dem Wochenbett in ihre Jeans von vor der Schwangerschaft schlüpft und, wenn das Baby schläft, mit einem Lächeln, als ob sie ihr Glück kaum glauben könne, den Garten umgräbt.

Je länger ich über die Zeigverweigerung nachdachte, desto grafischer wollte ich auch werden. Was soll diese beschissene misogyne Erwartung, dass wir den ganzen schmerzhaften Körperkram aushalten sollen, aber bitteschön so, dass niemand etwas davon mitbekommt? Und damit meine ich nicht nur die Oscar-Verleihung, sondern auch den Alltag ganz gewöhnlicher Menschen. Nach der Geburt meines ersten Kindes, zum Beispiel, bin ich fast ohnmächtig geworden, weil mir beim ersten Aufstehen sturzbachartig die Pantoffeln mit Blut vollliefen. Ohnmächtig vor Angst, wohlgemerkt, denn ich hatte nicht die leiseste Ahnung, dass das passiert. Mir hatten nur alle gesagt, dass „alle Schmerzen vergessen sein werden, wenn das Kind erstmal da ist.“ Deshalb konnte ich leider erst, als mir nach der Geburt des zweiten Kindes wieder das Blut die Beine runterlief, mich an Stephen King erinnern und einen entspannten und sehr guten Carrie-Witz machen.

Eigentlich ist es aber alles andere als witzig, dass unsere natürlichen Körperfunktionen verschwiegen und nicht gesehen werden wollen. Wir werden aus Cafés geworfen, wenn wir stillen. Wer mit uns Sex hat, während wir menstruieren, sticht oberkrass auch ins rote Meer, aber eigentlich hat unser blutendes „da unten“ weder Namen noch was zu melden.

Unser Körper macht viele tolle Dinge, die nicht ignoriert oder versteckt werden sollten. Wir sollten uns diesen patriarchalen Schuh, was alles eklig oder unwichtig ist, ausziehen und ihn nach denen werfen, die das so beurteilen. Und dann lasst uns alle über alle Körperfunktionen reden. Ich habe das mal ausprobiert: Auf einer Lesung habe ich einen Text über alle vermeintlichen körperlichen postpartalen Peinlichkeiten vorgetragen. Und danach haben wir uns alle gegenseitig erzählt, was uns während und nach der Geburt so passiert ist. In den Hauptrollen Blut, Kacke, Kotze und vor allem die Erleichterung darüber, doch gar nicht die Einzige zu sein, der es so erging. Es war nichts dabei, was die Academy für vorzeigbar gehalten hätte, aber alles völlig normal. 

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