Wenn das hier ein Manifest wäre, dann hätte es vielleicht mit folgendem Satz begonnen:

Ein Gespenst geht um in Europa

das Gespenst der Politischen Korrektheit

Aber das hier soll kein Manifest werden, sondern eine Bestandsaufnahme, wo wir in Sachen Meinungsfreiheit, Zensur, Politischer Korrektheit, Kritik und Haltung stehen. Alles große Themen, über die wir schon lange schreiben wollten und die uns noch viel länger begleiten. Als Stevie Pinkstinks 2012 gründete, lag das Thema schon in der Luft. Im Suhrkamp Verlag erschien ein Buch mit dem Titel In Anführungszeichen – Glanz und Elend der Political Correctness und auch in den Feuilletons wurde viel darüber geschrieben, was alles nicht mehr gesagt werden darf und was unbedingt gesagt werden muss.
2013 war das Gründungsjahr der AfD der Partei also, die wie keine andere gegen die Politische Korrektheit polemisiert und sie immer wieder als eines der zentralen Übel der Gegenwart identifiziert.

Aber eben auch die Partei, die wie keine andere zeigt, wie verdreht die Debatte um dieses Thema ist – beschäftigt sie sich doch ein ums andere Mal damit auszuteilen ohne dabei einstecken zu wollen oder zu können. 2014 dann das Buch zur Debatte. Mit Der neue Tugendterror beschwerte sich Thilo Sarrazin über den „grassierenden Meinungskonformismus“ und darüber, wie sehr man ausgegrenzt wird, wenn man „Dinge ausspricht, die nicht ins gerade vorherrschende Weltbild passen“. Bei Sarrazin ging die Ausgrenzung seiner Meinung immerhin so weit, dass sein Buch nur als Vorabdruck in der BILD und mit einer Startauflage von 100.000 erschien. Zahlreiche große Tageszeitungen brachten Rezensionen, Wissenschaftler*innen beschäftigten sich mit seinen Thesen, das Buch wurde ein Bestseller. Schlimm, wenn einem linke Meinungsdiktatur so den Mund verbietet. Ab 2015 gab es dann kein Halten mehr. Im Herbst durfte niemand mehr „die Wahrheit über Merkels Grenzöffnung am 4. September sagen“ und von da an ging es Schlag auf Schlag. Immer mehr Menschen, die von sich und anderen in der politischen Mitte verortet werden, hatten und haben den Eindruck, dass sie nicht ohne Repressalien aussprechen können, was sie denken. Erst am Wochenende hat der Ex-Handballer und Sky Moderator Stefan Kretzschmar geäußert, „dass wir zwar nicht in den Knast kommen, wenn wir uns kritisch äußern“, aber Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne sei das nicht.

Um das Ganze in den Zusammenhang zu stellen: Kretzschmar sprach über Profisportler und Werbeverträge, über das Fehlen von „Typen“ und die Vor- und Nachteile von allgegenwärtigen flachen Hierarchien. Trotzdem wird man an dieser Stelle nicht nur fragen dürfen sondern auch müssen, worüber diese Menschen eigentlich reden?

Lassen wir mal beiseite, dass der Begriff Politische Korrektheit den 30er Jahren des 20. Jahrhundert als eine Art Treppenwitz des Kommunismus begann und sich ab den 90ern in den USA unter den Händen von Nationalkonservativen zu eben jenem Gespenst entwickelt hat, von dem Eingangs in Bezug auf Europa die Rede war – darüber müsste ein ganz eigener Text geschrieben werden: Was meinen Kretzschmar und andere wenn sie sagen, heutzutage sei die Gesellschaft so konstruiert und man dürfe nichts mehr sagen? Soll es früher etwa besser gewesen sein? Dass er damit wohl kaum den Staat gemeint haben kann, in dem er und ich aufgewachsen sind, muss ich hier, glaube ich, nicht weiter ausführen. Wie es um die Meinungsfreiheit in der DDR stand, ist wohl überwiegend unstrittig. Dann also die BRD. In der war es mit Sicherheit besser um die Meinungsfreiheit bestellt als im realexistierenden Sozialismus. So gut aber auch wieder nicht. Stichwort Radikalenerlass: Von 1972 bis zur endgültigen Abschaffung 1991 wurden 1,4 Millionen, zumeist politisch links gerichtete Menschen, überprüft. 11.000 Verfahren wurden eingeleitet, einige tausend Personen nicht eingestellt oder aus ihren Berufen entfernt. Dieses Kapitel deutscher Geschichte ist so unrühmlich, dass mittlerweile Kommissionen eingesetzt werden, um es aufzuarbeiten. Klingt jetzt nicht unbedingt meinungsfrei.

Dann ja aber wohl die USA. Land of the Free. Debattieren wir ernsthaft darüber, ob die heutigen Verhältnisse schlimmer sind als die McCarthy-Ära mit ihrer Gesinnungspolizei, ihren Vorladungen und ihren Verdächtigungen wegen „kommunistischer Umtriebe“? Und um mal in der Gegenwart zu bleiben: Was genau hat denn Donald Trump bis jetzt nicht sagen dürfen, welche Lüge nicht verbreiten können? 1961 hat Walter Ulbricht behauptet, dass niemand die Absicht habe, eine Mauer zu errichten. 2019 will Donald Trump niemals gesagt haben, dass Mexiko eine Mauer bezahlen würde. Mit der Debatte stimmt hinten und vorne etwas nicht. Gehen wir das Ganze also mal durch.

1.
Viele verwechseln das Recht das doch noch mal sagen zu dürfen mit dem Recht das doch noch mal unwidersprochen sagen zu dürfen. Die meisten der erwähnten Rezensionen von Sarrazins Buch waren Verrisse. Der Mann hat aber keinen Anspruch auf Lob und Anerkennung – im Gegenteil: Jemandem, der angeblich für Meinungsfreiheit streitet, sollte klar sein, dass alle anderen in ihrer Meinung so frei sein können, ihn schlecht, vorhersehbar und in der Argumentation erbärmlich zu finden. Dahinter eine „linke Medienverschwörung“ zu wittern, ist nur der billigste aller Tricks, sich die Kritik nicht zu eigen machen zu müssen. Von dort ist es kein großer Schritt mehr zu Verschwörungstheorien über morgendliche Kontrollanrufe der Bundeskanzlerin in den Chefredaktionen des Landes.

2.
Apropos linke Medienverschwörung: In der gegenwärtigen Debatte um Meinungsfreiheit wird viel zu oft so getan, als entsprächen die Repressionen linker Positionen einem neutralen Status. Da war es schön, dass war super. Erst jetzt, wo das Äußern dezidiert (rechts)konservativer bis nationalistischer Positionen reale Konsequenzen hat, ist es plötzlich fiese linke Meinungsdiktatur. Früher war halt besser. Früher durften bei den 90er-Pogromen wie in Rostock-Lichtenhagen noch 3000 Leute klatschen, ohne dass es einen Shitstorm auf Twitter gab oder sie gefeuert wurden.

3.
Denn das hat sich tatsächlich verändert. Kommunikation findet heute öffentlicher und archivierbarer denn je statt. Ein rassistischer Tweet kann dich wie im Fall der Schauspielerin Roseanne Barr den Job kosten. Ihr Sender hat sich die Freiheit genommen, sich von dieser Meinung nicht länger repräsentieren zu lassen. Womit wir wieder beim unwidersprochen wären.

4.
Zensur herrscht, wenn (in der Regel) staatliche Stellen restriktive Informationskontrolle betreiben. Zensur herrscht nicht, wenn ein Kommentar auf Spiegel Online gelöscht oder bei Pinkstinks nicht freigeschaltet wird. Das Recht darauf, diese Meinung zu äußern, besteht weiterhin. Daraus leitet sich aber nicht das Recht hab, dies auf der Plattform meiner Wahl zu tun. Im Zeitalter der Onlinekommentare scheinen manchen vergessen zu haben, dass das mit Leser*innenbriefen früher genauso war.

5.
Es geht nicht um Politische Korrektheit sondern um Korrektheit. Was spricht dagegen, sich Minderheiten und Marginalisierten gegenüber korrekt zu verhalten?

Warum sollten ausgerechnet die, die sich Jahrzehnte das Recht zu bezeichnen und zu bezichtigen herausgenommen haben, darüber bestimmen, was zu weit geht und was nicht? Warum sollten beispielsweise Weiße darüber entscheiden dürfen, welche Begriffe für People of Colour rassistisch sind und welche nicht. Sie tun das nicht aus einer wertschätzenden Erfahrung der Meinungsfreiheit heraus, sondern aus einer privilegierten Position der Nichtbezeichnung. Wer das nicht glaubt, der kann ja mal versuchen, all die Vorkämpfer*innen für Meinungsfreiheit für eine Weile konsequent als Fickprodukte zu bezeichnen. Das wird man ja erstens wohl mal sagen dürfen, weil es zweitens in den meisten Fällen auch noch stimmt (die Eltern hatten zur Zeugung vermutlich Sex). So politisch korrekt wollen wir doch nicht werden, dass wir uns das nehmen lassen.

Es gibt auch, und das sei abschließend erwähnt, sinnvolle Kritik an Politischer Korrektheit. So hat der Autor und Moderator Stephen Fry in einer Debatte darauf hingewiesen, dass dieses Konzept womöglich nicht funktioniert.

Dass es nicht zu einer diskriminierungsfreieren, toleranteren Gesellschaft führt, weil es ein Konzept ist, dass mehr darauf aus ist, Recht zu haben als zu funktionieren. In gewisser Weise stimmt das. Die moralischen (Selbst)Verpflichtungen, die sich hinter dem verbergen, was heute leichthin Politische Korrektheit genannt wird, werden oft auf die Gefahr hin gepredigt und eingefordert, dass das eigentliche Problem in den Köpfen bestehen bleibt. Politische Korrektheit wäre in diesem Szenario das Konservierungsmittel für Rassismus und Sexismus, weil sie nicht herausgefordert und verändert werden können, sondern vielfach nur ausgeblendet sind. Da ist was dran. Am Ende dieses Prozesses, glaubt Fry, könnten nicht einmal mehr die Marginalisierten ihre Meinung sagen, um die es doch angeblich geht.

Aber Fry übersieht, dass die Marginalisierten das nie durften. Nicht vorn im Bus bei den Weißen sitzen, nicht wählen, nicht studieren. Selbst mit seiner durchaus brauchbaren Kritik an Politischer Korrektheit bleibt er bei den Diskriminierenden und wendet sich von den Diskriminierten ab.
Politische Korrektheit ist der Begriff, mit der eine Gegenbewegung als Verfallserscheinung maskiert werden soll. Als Sündenfall im Paradies. Paradiesisch waren die Zustände aber immer nur für die einen. Die anderen haben erst jetzt die Gelegenheit ihre Stimme zu erheben, Raum einzunehmen, sich selbst zu benennen und sich Bezichtigungen und Diskriminierung lautstark zu verbitten. Selbstverständlich kann diese Gegenbewegung zu weit gehen. Selbstverständlich kann sie mit unlauteren Absichten benutzt und missbraucht werden. Das ändert aber nichts daran, dass Diskriminierung kein Recht sondern eine Schande ist. Das Ende der Politischen Korrektheit besteht nicht darin, dass wir alle entspannt weiter diskriminieren und nach unten treten. Es besteht darin, sich von diesem Begriff nicht den Blick auf eine der größten emanzipatorischen Bewegung verstellen zu lassen, die jemals stattgefunden hat.

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