Es gibt ein Thema, dass mich schon seit Jahren verfolgt, aber zu dem ich bislang einfach nicht gekommen bin. Immer wenn ich denke, ich sollte wirklich mal darüber einen Text schreiben, sind andere Themen drängender und wichtiger. Ich könnte es natürlich auch einfach gut sein lassen. Das Problem ist nur, dass überhaupt nichts gut ist und sich jedes Jahr mindestens drei, vier Anlässe finden lassen, warum man sich dringend dazu verhalten sollte.

Die Rede ist von der Entblößung und Beschämung mehr oder weniger prominenter Frauen durch ihre Ex-Partner oder durch einen Hacker, der die Cloud ihrer mobilen Geräte attackiert, um Nacktfotos zu stehlen und sie anschließend möglichst gewinnbringend zu verkaufen. Weil mich das Thema unfassbar wütend macht und sich im Kern auch im die millionenfache Reproduzierbarkeit von digitalen Bildern im Netz dreht, wird dieser Text etwas anders ausfallen als die üblichen Texte von Pinkstinks. Es wird keine Bilder geben, kaum Verlinkungen und Verweise darauf, worüber ich hier spreche. Denn die Bilder, von denen hier die Rede ist, sind alle noch vorhanden. Und ich möchte mich nicht an dem fortgesetzten Missbrauch von Frauen beteilige, indem ich jemanden darauf hinweise, in welcher Ecke des Internets das Material denn nun genau zu finden ist. Das Gleiche gilt für Zeitungsartikel. Gerade Boulevardmedien kooperieren mit Tätern, indem sie sich unrechtmäßig und genüßlich über die Intimssphäre von Frauen hermachen und sie der Leserschaft zum Fraß vorwerfen. Jüngstes Beispiel ist der Fall der US-amerikanischen Kongressabgeordneten Katie Hill, die kürzlich ihren Rücktritt bekannt gegeben hat, weil ihr Ex-Partner Fotos und Chatverläufe an Zeitungen und politische Gegner*innen weitergegeben hat.

Und ein britischen Drecksblatt ist sich nicht zu schade dafür, das alles auszubreiten. Abertausende Menschen dazu einzuladen, sich eine abfällige Meinung über diese Frau zu bilden, sie zu beschämen, zu bewerten und zu kommentieren. So als hätten alle Beteiligten das Recht dazu, weil Katie Hill über eine gewisse Bekanntheit und Macht verfügt. Und natürlich, weil Katie Hill eine Frau ist. Denn selbst wenn ich an dieser Stelle gar nicht verschweigen möchte, dass hin und wieder auch Männer von diesem Problem betroffen sind, geht es doch fast ausschließlich um Frauen. Darum ihre unterstellte, vermutete und in Antizipation bereits besabberte „Fickbarkeit“ auszustellen. Darum, dass Männer visuelle Unterstützung bei ihrer Vorstellung bekommen, dass diese oder jene bekannte Frau „ja auch nur eine Schlampe ist, der man es mal richtig besorgen sollte“. Das Phänomen ist so verbreitet, dass es mittlerweile eine eigene Bezeichnung hat und nicht mehr nur prominente Frauen betrifft: Revenge Porn oder auf deutsch auch Rachepornos genannt.

Über 50.000 solcher Fälle prüft Facebook jeden Monat – und das sind nur die gemeldeten. Fast immer geht es dabei um Frauen. Denn wir haben aus der erniedrigenden Entblößung von Frauen eine Kulturtechnik gemacht. Und wenn wir ihrer Fotos nicht habhaft werden können, dann zeichnen wir verbal Bilder von einer Politikerin als „Drecksfotze“. Oder wir benutzen die neuesten Möglichkeiten der Technologie, um die Gesichter von prominenten Frauen in das Antlitz von Pornodarstellerinnen zu montieren, damit es so aussieht, als wären die Opfer bei sexuellen Handlungen gefilmt worden. Deep Fakes nennt sich das und zeigt, dass der Schlampenvorwurf immer noch zieht. Dass man Politik damit macht, die Körper von Frauen und ihre Sexualität zu skandalisieren und vor aller Augen zu entblößen. „Schockierende Fotos“ nennt das britische Drecksblatt die Aufnahmen. Schockieren sollte uns allerdings eher das Verhalten der Medien. Schockieren sollte uns auch die abgestumpfte Gleichgültigkeit, die im Gegenzug einem Mann wie Donald Trump entgegengebracht wird. Einem ausgewiesenden Sexisten, der im Laufe seines Lebens vielfach seine Macht zu übergriffigem Verhalten auf Frauen missbraucht hat. Das Buch
All the President’s Women: Donald Trump and the Making of a Predator“ ist gerade erst erschienen und gibt genau darüber Auskunft.

Warum ist uns das so egal? Und mit „uns“ meine ich insbesondere uns Männer. Warum lehnen wir uns alle so vollkommen tiefenentspannt an diesen Grundpfeiler unserer Gesellschaft, der aus der Überzeugung besteht, Frauen hätten sexuell verfügbar zu sein und wenn sie es nicht sind, werden sie sexuell verfügbar gemacht? Warum reißen wir den nicht ein? Ich befürchte, die Erklärung, dass es uns nicht betrifft und wir es uns folglich leisten können, ihn stehen zu lassen, ist noch die „unproblematischste“. Tatsächlich lassen wir diesen Pfeiler wohl hauptsächlich stehen, weil er uns nützt. Weil er ein System trägt, von dem wir profitieren. Sei es dadurch, dass es Frauen mehr oder weniger subtil suggeriert, dass ihnen das auch jederzeit passieren könnte und sie sich deshalb besser mal zurücknehmen sollten. Oder dadurch, dass es uns ein Gefühl der Macht vermittelt, auch zu dieser Waffe greifen zu können. Oder weil es uns einfach nur die Möglichkeit auf „geile Nacktbilder“ von prominenten Frauen bietet, deren Fickbarkeit wir in unseren Köpfen schon längst etabliert haben. Denn ja: Auch das ist falsch. Mit jedem Klick, jedem Blick auf diese Bilder erneuern wir den Diebstahl und vertiefen den Missbrauch. Wir sind nicht etwa fein raus, wenn wir denken, dass wir einen solche Tat niemals begehen würden, nur um uns anschließend auf die Suche nach den Bildern zu machen. Wir sind Bestandteil der Nachfrage. Wir sind Teil des Problems. Wir sind Mittäter.