„Ist Julian ein Junge oder ein Mädchen?“

„Ist doch egal“.

Bei diesem Dialog meiner Kinder muss ich mich zwingen, vor Freude nicht so zu klatschen, wie es mein Sohn gerade oberpeinlich findet. Aber jetzt mal von vorn.

Meine Tochter blättert, wie gerade ständig, durch ihr neues Buch. Es ist von Jessica Love, heisst „Julian ist eine Meerjungfrau“ und handelt von Julian, der Meerjungfrauen so liebt, dass er am liebsten selbst eine wäre. In der U-Bahn bewundert er drei als Meerjungfrauen verkleidete Frauen und tagträumt, dass er selbst zu einer wird. Zuhause bastelt er sich dann aus Farn, Schnittblumen und dem Vorhang ein eigenes Kostüm. Die Oma entdeckt ihn, sagt nichts und geht raus. Kurz ist nicht klar, ob sie das vielleicht gar nicht so toll findet, aber dann holt sie nur eine Kette, die sie Julian überreicht. So schick nimmt sie ihn mit auf eine Parade in der Stadt, die voll ist von verkleideten Fischen, Krebsen – und Meerjungfrauen (auch denen aus der U-Bahn). Und ganz selbstverständlich ist eine von ihnen auch Julian.

Auf jeder Seite tippt meine Tochter auf die Person, die sie am liebsten wäre, dann fragt sie mich und ich tippe auf irgendwen. Ist mir nämlich egal, weil ich in diesem Moment nur eine sein will, und das ist die Mutter dieses tollen Kindes. Sie liebt dieses Buch aus einem so einfachen, wunderbaren Grund: Es ist voller Menschen, die gern schön sind. Wie sie.

Sie hat weder nachgefragt, ob Julian auch ganz sicher ist, dass er eine Meerjungfrau sein will und nicht doch lieber Oberförster oder Rennfahrer, noch ob er nicht schwul wird, wenn er Lippenstift benutzt. Sie legte ihm nicht nah, lieber ein Spielzeugauto in die Luft zu sprengen und nicht zu heulen, wenn er sich dabei wehtut.

Das klingt überzeichnet, aber wer Kinder hat oder einfach ein Mensch mit Ohren ist, hat das alles so oder so ähnlich schon gehört.

Aber es ist ja so, dass Erwachsene diese Klischees im Kopf haben und nicht die Kinder. Die Kinder wollen einfach sie selbst sein. Nur, wenn ihnen dann Erwachsene verklickern wollen, dass das falsch ist, weil Jungs eben nicht Meerjungfrauen sein können, es aber außer „Isso“ keinen triftigen Grund gibt, dann beeinflusst diese Ablehnung das kindliche Gefühlsleben. Der Meerjungfrauenwunsch wird unterdrückt, dort brodelt er, zusammen mit der Trauer darüber, irgendwie „falsch“ zu sein sowie der Angst, dass der Wunsch nicht weggeht, und dieser Klumpatsch kann zu einem Hass werden – auf sich selbst oder auf alles, was Jungs angeblich nicht sein dürfen. Fertig ist die Toxic Masculinity.

Ich halte gar nichts von „Hauptsache in der richtigen Schublade, weil Isso“, meine Lebensdevise ist lieber „Wenn alles für alle ist, sind alle fröhlicher“. Anscheinend habe ich das ganz gut vermittelt, denn meiner Tochter thematisiert beim Lesen weder die Hautfarbe noch das Geschlecht der Hauptfigur. Es ist ihr, wie oben geschrieben, egal. Weniger egal sein kann das allerdings den meisten Jungen, die sich gern schminken und verkleiden. Für sie ist das Buch tausendmal wichtiger als für meine Tochter und die anderen privilegierten Kinder, für die es im Buch „nur“ um Toleranz geht. Für Jungen, die sich in Julian wiederfinden, geht es um Akzeptanz. Das Buch zeigt ihnen, dass sie gesehen werden. Dass sie schön und toll und goldrichtig sind, genau wie sie sind. Und weil ich mir genau das für alle Kinder wünsche, klatsche ich jetzt doch noch vor Freude über Bücher, in denen sich alle willkommen und gesehen fühlen. Bücher, in denen nicht kerngesunde Kinder die Hauptrolle spielen, in denen nicht alle Kinder weiß sind oder zwei glücklich verliebte heterosexuelle Eltern haben, in denen Jungen nicht gern Fussball spielen oder Mädchen sich kein Pflegepferd wünschen. Weil: Mehr Vielfalt erzählt buntere Geschichten und verteilt die Happiness gerechter.