Businessman's Sexually Harassing Female Colleague By Touching Her Shoulder

Leserin-Brief: Sexismus im Job

Der folgende Brief einer Spenderin ist stellvertretend für die vielen Nachrichten, die wir immer wieder von euch zu Sexismus und Diskriminierung am Arbeitsplatz bekommen. Wir veröffentlichen den Brief hier nach Absprache mit der Autorin gekürzt und anonymisiert. Und haben ihn zum Anlass genommen, ein ausführliches Gespräch mit einem Arbeitsrechtler zu führen, in dem viele wichtige Fragen rund um das Thema geklärt werden. Ihr findet es in den kommenden Tagen hier auf pinkstinks.de.

Nachtrag 18.11.: Wir haben den Bonner Rechtsanwalt und Dozent Peter Weiss, nicht nur nach einem ausführlichen Gespräch gefragt, das in Kürze auf Pinkstinks erscheinen wird, sondern ihm auch den Leserin-Brief vorgelegt. Herr Weiss’ professionelle Einschätzung dazu und zu den einzelnen Schilderungen findet ihr unter dem Brief.

Liebes Pinkstinks-Team,
ich bin nun also seit 2 Jahren regelmäßige Spenderin, weil ich eure Beiträge einfach klasse finde und immer wieder merke, wie viel ihr in konstruktiven Bahnen für eine notwendige Diskussion sorgt. Ihr wirkt für mich auch etwas als Kraftspender, denn der Weg zu einer gleichberechtigten Gesellschaft ist „kein Sprint, sondern ein Marathon“, und das merke ich als Ingenieurin im Maschinenbau bei einem Mittelständler eigentlich mehrmals täglich.

Da ich zunehmend frustriert bin über das Umfeld, in dem ich arbeite, möchte ich mir den Frust etwas von der Seele schreiben und einen Einblick in meinen Alltag geben. Laut einer Literaturrecherche der Bertelsmann-Stiftung (ca. 2012) tun Frauen sich besonders schwer bei der Vereinbarung von Kind und Beruf. Und hören deswegen auf – nicht weil sie nicht mehr arbeiten wollen, wie meine Kollegen ganz gerne mal behaupten. Interessant ist dabei insbesondere der Absatz über Frauen in Männerdomänen. Dort wird das Klima wohl als so toxisch empfunden, dass von dort gerne mal „weg gewechselt“ wird, ergaben die Umfragen. Und je länger ich in so einer Domäne arbeite, desto besser kann ich das nachvollziehen. Hier ein paar Auszüge der letzten 2 Jahre …

Meine Kollegen sind insgesamt eigentlich ganz nett – aber dann gibt es diese ständigen kleinen Nebensätze, Witzchen, Bemerkungen, die ein sexistisches Weltbild erkennen lassen. Ich bin eine von wenigen Frauen in einer Abteilung von 20 Mitarbeitern. Ich lasse es mir nicht gefallen. Ich finde es unmöglich, wenn von Teamleitern Witze über „Hot Girls“ gemacht werden, Frauen im Bikini als zu gewinnendes Objekt bei einem Wettbewerb vorgeschlagen werden, Frauen als Witz mit Autos verglichen werden die man entweder „mieten“, „leasen“ oder „kaufen“ kann und welche Vor- und Nachteile das jeweils bringt, wenn man sie „nur einmal ausfährt“ oder sich „gleich eine für immer kauft“. Die Boys-Club-Mentalität ist hier lebendig und findet einen Nährboden, der dann entsprechend auch durch die Angestellten weitergelebt wird: Sexistische Witze sind einfach und finden Anklang in dem Umfeld. So macht man sich in meinem Unternehmen schnell beliebt und findet Gemeinsamkeiten. Da verschonen sie sich auch nicht untereinander: Wer vegetarisch isst, ist „verweichlicht“, Tanzen als Hobby wird als „schwul” bezeichnet.

Dinge, wie von einem Kollegen als Quotenfrau betitelt zu werden, oder Sprüche darüber, dass sich Frauen bei einer Scheidung alles holen, was geht, sind da noch eher harmlos. Meine Beschwerde bei meinem Chef, dass wir nur Manntage statt Personentage verkaufen (als Beratungsleistung) stieß erstmal auf Belustigung. Der Term Personentage war ihm nicht geläufig. Erst als ich nach einem weiteren Vorfall den Sexismus in der Abteilung eskaliert habe und schließlich bei der Personalchefin meinen Fall vortrug, hat es sich ein ganz klein bisschen gebessert. Sie sagte, ihr sei das in unserem Unternehmen noch nie passiert und ich müsste aber auch Meinungen anderer tolerieren.

Ich höre dann Sätze wie: Na selbst schuld, wenn du in einer Männerdomäne arbeitest. Das hast du dir selbst ausgesucht, also darfst du dich auch nicht darüber beschweren.

Na selbst schuld, wenn du in einer Männerdomäne arbeitest. Das hast du dir selbst ausgesucht, also darfst du dich auch nicht darüber beschweren.

Als ich einem hohen Vorgesetzten sagte, dass ich bald ein Kind bekommen würde, verabschiedete er sich von mir:„Schade, Sie waren ein Zugewinn fürs Unternehmen.“ Als ich darauf bestand, dass ich nach einer Weile Elternzeit wiederkäme, meinte er nur, nach seiner Erfahrung würden die Frauen merken, wie gern sie einfach für die Kinder da wären und kämen dann nicht wieder. Als ich darauf bestand, dass es mir wichtig ist zu arbeiten und ich das mit meinem Partner so vereinbart habe, meinte er nur: „Na, dann wünsch ich Ihnen, dass sich die Arbeitswelt in der Zeit Ihrer Abwesenheit ändert“. Ein Mann über 60, da könnte man denken, na gut, alte Generation, kann man nicht mehr
ändern. Aber dann passierten weitere Schoten: Junge Kollegen, die sagen, ich sei so empfindlich bei „dem Thema“. Oder mir ein anderes Mal erklären, dass es unternehmerisch nicht sinnvoll sei, Frauen um die 30 einzustellen, da sie ja Kinder bekämen und damit für das Unternehmen nur ein Verlustgeschäft seien. Oder die mir sagen, sie würden nicht verstehen, warum Frauen sich benachteiligt fühlten, sie sähen das nicht so.

Ich meine, es ist mir klar, dass Ingenieure eine konservative Zunft sind, aber es ist teilweise erstaunlich, wie wenig selbstreflektierend diese Menschen daherkommen. Als ich in dem Unternehmen gerade gestartet war, waren wir bei einem Kunden zur Besichtigung. Der dortige Geschäftsführer meinte in einer Gruppe (alles Männer außer mir) direkt in meine Richtung: „.. und hier steht die Abspritzkabine. (lacht) Meine Gleichstellungsbeauftragte hat mir gesagt, ich solle das nicht so nennen.“ (lacht noch lauter) Und meine Vorgesetzten waren dabei und alle lächelten nur brav, ohne ein Wort zu entgegnen. Meinem Abteilungsleiter sagte ich hinterher direkt: Wenn jemand sowas nochmal zu mir sagt, werd’ ich das nicht unkommentiert lassen. Das geht so nicht. Großes Erstaunen auf allen Seiten. Natürlich hieß es dann: Das sei doch nur ein Witz gewesen.

Ich hätte noch mehr Geschichten, aber ich glaube, das vermittelt einen guten Eindruck. Ich hoffe, ihr könnt damit was anfangen und es gibt vielleicht sogar Impulse für eure Arbeit.
Vielen Dank für eure Arbeit!

Kommentar von Anwalt und Dozent Peter Weiss:

Hinweise:

1.   Die gegebenen rechtlichen Hinweise unterstellen – natürlich! – den geschilderten Sachverhalt als wahr.
2.   Sie berücksichtigen – natürlich! – ausschließlich die im Leserinbrief mitgeteilten Fakten und Geschehnisse.
3.   Die Hinweise können naturgemäß nichts berücksichtigen, was dem Urheber der Hinweise gar nicht bekannt (gegeben worden) ist.
4.   Wiedergegeben ist daher nur die objektive Rechtslage, wie sie sich angesichts der wiedergegebenen Fakten darstellt.
5.   Mein Hinweise ersetzen auf keinen Fall eine individuelle anwaltliche/gewerkschaftliche Beratung oder Vertretung und sind ebensowenig etwa Handlungsempfehlungen für die Autorin des Leserinbriefes oder andere betroffene Menschen!
6.   Die gegebenen Hinweise sind nur rechtliche – und sagen also nichts darüber aus, daß der Kampf, den frau in rechtlicher Hinsicht aufnehmen kann, große seelische und u.U. auch materielle Belastungen mit sich bringen kann und einen langen Atem und Durchhaltewillen und viel Kraft erfordert – und dennoch dazu führen kann, daß frau nicht oder nicht zur Gänze reüssiert!
7.   Trotz alledem bleibt aber dies wahr: „Wer kämpft, kann verlieren – wer nicht kämpft, hat schon verloren.“

Aus antidiskriminierungsrechtlicher Sicht ist zu sagen, daß die Leserin Belästigung wegen des Geschlechts (§§ 3 Abs. 3 i.V.m. 1, 7 AGG) und sexuelle Belästigung (§§ 3 Abs. 4 i.V.m. 1, 7 AGG) IN PERMANENZ schildert.

Ihre Arbeitgeberin hat es offensichtlich versäumt, ihre Beschäftigten zu schulen und ihren übrigen Organisationspflichten gem. § 12 Abs. 1 und 2 AGG zu genügen, ebenso, ihre Beschäftigten vor Diskriminierungen durch Dritte zu schützen (§ 12 Abs. 4 AGG).

Die Leserin hat gegen ihre Arbeitgeberin nicht nur einen klagbaren Anspruch darauf, dass die Arbeitgeberin das umgehend abstellt (§ 12 Abs. 3 und 4 AGG), sondern auch auf eine Entschädigung (§ 15 Abs. 2 AGG) und, sofern ihr auch materielle Schäden entstehen, auch auf deren Ersatz (§ 15 Abs. 1  AGG). Ihr wäre zu raten, das, was sie erleben musste, so genau und nachweisbar wie möglich zu dokumentieren […].

Für die Geltendmachung von Schadensersatz- und Entschädigungsansprüchen beachte allerdings unbedingt die Geltendmachungsfrist des § 15 Abs. 4 AGG bzw. des § 61 b ArbGG!

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Bildquelle: Andrey Popov/iStock