Ihr habt es vielleicht schon gemerkt: Die letzten Tage haben wir immer mal wieder Artikel der Süddeutschen zum Thema Gleichberechtigung verlinkt. Das liegt daran, dass die Zeitung in ihrer Rechercherubrik gerade bemerkenswerte Anstrengungen unternimmt, das Thema Gleichberechtigung von möglichst vielen Seiten zu beleuchten. Ob es um Körper als Kampfzone, Humor, Carearbeit, sexualisierte Gewalt oder Feministinnen, die man kennen sollte, geht – die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall. Es gibt Texte, bei denen man aus dem Nicken gar nicht mehr herauskommt und es gibt Texte, die man so schon einige Male gelesen und sich auch da schon über die Argumentationslinie geärgert hat. Einer von letzterer Sorte heißt „Emanzipation zerstört die Erotik“ und handelt genau davon: Diesem merkwürdigen Mythos, dass in gleichberechtigten Beziehungen der Sex auf der Strecke bliebe, weil die Anziehungskraft nicht mehr ausreicht. Gerne auch als Warnung („Wenn ihr nicht aufpasst, dann tötet euer Genderkram jegliche Lust!“) oder als hämisches Resumee („Das habt ihr jetzt davon!“) formuliert. Als Grab, das sich Menschen, die gleichberechtigte Beziehungen anstreben, selbst geschaufelt haben sollen.

Die Vorstellung ist wie gesagt nicht neu. Vor 2 Jahren erschien ein stark rezipierter Artikel in der New York Times, der die Möglichkeit breit bespricht, dass eine gleichberechtigte Ehe zu weniger Sex zwischen den Beteiligten führt. Expert*innen wurden befragt, Studien herangezogen und am Ende lautete das Ergebnis kurz gesagt, dass Distanz und Unterschiede in einer Langzeitbeziehung für Leidenschaft sorgen und nicht etwa Nähe und Gemeinsamkeiten. Oder um es anders zu formulieren: Gleichberechtigung befördert Menschen in eine sexlose Freundschaftszone. Emanzipation ist zwar grundsätzlich wünschenwert, aber eben auch der sichere Weg in die Lustlosigkeit. Überhaupt sollten sich Männer lieber „um Garten, Geld und Auto kümmern“ damit es im Bett läuft.  Tatsächlich? Schauen wir uns das doch mal genauer an:

1.
Interessanterweise gibt es auch Studien, die zeigen, dass Menschen in gleichberechtigteren Gesellschaften mehr Sex haben als in patriarchalen. Die Gründe hierfür sind relativ naheliegend. Wo Frauen für ihre Sexualität nicht beschämt, angefeindet oder mit Gewalt überzogen werden, fühlen sie sich freier und sicherer, sie auszuleben. Wo Jungfräulichkeit nicht zu einem falschen Ideal stilisiert und vorehelicher Sex nicht verteufelt wird, bleibt mehr Platz für den tatsächlichen Willen von Menschen, einvernehmlich miteinander Sex zu haben.

2.
Svenja Gräfen hat bereits darauf hingewiesen, dass die angeblich so allgemeinen Überlegungen zum erotischen Zustand von Paaren vor Heteronormativität nur so strotzen. Als hätten die jeweiligen Autor*innen von Lesben, Schwulen und genderqueeren Menschen noch nie etwas gehört. Als würde Sexualität nur von Männlein und Weiblein gelebt werden, die vom Mars und von der Venus kommen. Damit alles schön übersichtlich bleibt.

3.
In dieser heteronormativen Matrix gilt das „Fifty Shades of Grey“ Prinzip: Frauen wollen alle irgendwie ein bisschen dominiert werden, Männer sich ausnahmslos ihre Sexualpartnerinnen unterwerfen. Dass es auch genau andersherum stattfindet, scheint undenkbar zu sein. Außerdem wird eine merkwürdige Hierarchisierung von Blümchensex und Kink vorgenommen. Svenja Gräfen konstatiert hierzu: „Vorsichtig ist das neue Scheiße.“ Wer nicht mindestens mal fesseln oder sich ein wenig peitschen lassen will, der ist schon auf halbem Weg in die Freundschaftszone und ultralangweilig. Jahrelang Kuschelsex unter der Decke und mit Licht aus gutfinden – wo kämen wir denn da hin?!

4.
Das Sexleben von Menschen hat offenbar deckungsgleich mit ihrem Alltagsleben zu sein. Wohin der sonst gerne kolportierte Erfahrungswert verschwunden ist, dass durchschnittliche wirkende Paare hinter verschlossenen Türen, auf queeren Partys oder in Swingerclubs auch ganz anders können, wird nicht erklärt. Wer das angeblich notwendige Machtgefälle nicht beim Hausputz zelebriert, der tut dies auch nicht bei Sex. Weil isso.

5.
Und wo wir gerade bei angeblich notwendig sind: Nehmen wir mal für einen Moment an, dass das alles stimmt und Sex vor allem dann stattfindet, wenn die Rollenverteilungen möglichst klassisch, um nicht zu sagen AfD mäßig sind.

Von welchem Sex sprechen wir dann? Ist das nicht genau der Sex, der viel zu oft erbettelt, erschlichen, herausgenommen, gefordert und erzwungen wird? Und um den soll es jetzt tatsächlich schade sein?

Die Mär von der Emanzipation als Sexkiller ist genau das: Ein allzu binäres Märchen voller Rollenklischees und Aussagen über Quantität statt Qualität. Sex kann so viel mehr sein als das.