So etwas liest man wirklich nicht alle Tage: Der US-amerikanische Rapper T.I. hat in einem Podcast darüber geplaudert, dass er seine Tochter seit ihrem 16. Lebensjahr am Morgen nach der Geburtstagsfeier in eine gynäkologische Praxis verfrachtet und dort testen lässt, ob „ihre Jungfräulichkeit noch intakt ist“. Damit meint er, dass er das medizinische Personal vor Ort dazu auffordert, ihr Hymen zu untersuchen und sich von seiner Tochter einen Wisch hat unterschreiben lassen, der die Anwesenden von der Schweigepflicht entbindet. Nicht, dass wir uns missverstehen: Die Tatsache, dass Väter ein übergriffiges, vollkommen unangebrachtes Interesse an der Sexualität und der „Jungfräulichkeit“ ihrer Tochter haben, ist leider ziemlich normal. So normal, dass wir darüber in Regeln für ein Date mit meinen Töchtern schon ausführlich geschrieben haben. Über diesen ganzen Unfug, wie Väter mit den Jungen umgehen, die ihre Töchter daten wollen,

und dass sie glauben, in Bezug auf die Sexualität ihrer Tochter wirklich das Sagen oder auch nur Mitspracherecht zu haben. Aber T.I. hebt das auf ein ganz neues Level. Er ist kein „Durchschnittsvater“, der auf YouTube Videos hochlädt, in denen er sich erstmal an seinem Gewehr zu schaffen macht, um dann zu den Abstands- und Berührungsregeln zu kommen, die er von jungen Männern erwartet.

T.I. ist ein steinreicher Rapper mit viel Einfluß, dem allein auf Twitter knapp 9 Millionen Leute folgen. Man kann also davon ausgehen, dass er eine ungefähre Vorstellung von Außenwirkung, Vermarktung und Public Relations hat. Das hat ihn jedoch nicht daran gehindert, über die „Jungfräulichkeit“ seiner Tochter zu sprechen als würde sie ihm gehören und an anderer Stelle festzuhalten, dass sein Sohn mit 15 Jahren schon sexuell aktiv wäre und er als Vater nichts dagegen hätte, weil sich das für ihn „anders anfühlen“ würde. Lassen wir für einen Moment mal beiseite, wie widerlich das ist, und reden darüber, warum ich „Jungfräulichkeit“ in Klammern setze. Tatsächlich existiert sie nämlich überhaupt nicht in der Art, wie sich sich insbesondere viele Männer vorstellen, und hat darüber hinaus keinerlei medizinische Basis. Stattdessen hat „Jungfräulichkeit“ kulturelle und religiöse Wurzeln, die in Unkenntnis oder Desinteresse an der weiblichen Anatomie über den Hymen biologisiert werden. Der Hymen ist kein „Jungfernhäutchen“, das beim ersten Mal kaputt geht und dann weg ist, sondern eine Art Gewebesaum, den man in Schweden genau wegen dieser irrigen Vorstellungen seit 2009 als vaginale Korona bezeichnet. Diese Korona geht nirgendwo hin. Sie wird auch nicht zwangsläufig und nicht einmal besonders häufig beim ersten penetrativen Sex verletzt. Sex muss, wie Mithu Sanyal schreibt, weder „beim ersten noch beim einmillionsten Mal schmerzen„. Biologisch gesehen ist das was man gemeinhin als „Jungfräulichkeit“ bezeichnet vollkommen irrelevant. Wenn man es nett formuliert, könnte man sagen, dass es ein Mythos ist. Wenn man wie ich fertig mit nett sein ist, kann man es umstandslos auch einfach als Lüge bezeichnen.

Denn wir können und dürfen nicht nur über den biologischen Aspekt reden. An dieser Stelle müssen wir ebenfalls darüber sprechen, was den geschilderten väterliche Umgang mit der Sexualität der Tochter so übergriffig und widerlich macht. Es geht nämlich nicht wirklich um Biologie. Es geht noch nicht einmal um den Schutz der Töchter vor übergriffigen Jungen, weil man als Vater ja weiß, was Männer für Schweine sind. Wenn es wirklich das wäre, dann gäbe es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, um Mädchen und junge Frauen zu ermächtigen und zu bestärken.
Aber das ist alles bloß ein billiger Vorwand, um Einfluß geltend zu machen. Es geht um Unpenetriertheit im Sinne von Inbesitznahme, um Kontrolle, Macht und Beschämung. Und darum, dass daraus ein absurdes Konstrukt männlicher Ehre geschaffen wird, das sich anmaßt, sich von den individuellen und intimen Entscheidungen von Mädchen und jungen Frauen abhängig zu machen und darüber zu verfügen. In diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal auf den bärbeißigen Waffenschwingerpapi zurückkommen, der in seinem Video allen Ernstes behauptet, er interessiere sich nun einmal nicht für die Gefühle eines potentiellen Freundes seiner Tochter, sondern nur für die Gefühle seiner Tochter. Nein, das tut er nicht. Die Gefühle seiner Tochter sind ihm scheißegal. Es geht ihm ausschließlich um seine Gefühle und darum, dass ihm nicht unter seinen Augen etwas weggestohlen wird, für das er bei anderer Gelegenheit womöglich noch eine bessere Verwendung gefunden hätte. Warum Jungen und jungen Männern in diesem Zusammenhang anscheinend immer wieder mit Gewalt gedroht werden muss, werden wir bei Gelegenheit auch noch mal aufdröseln.

Für heute wollen wir es bei einem Vätermantra belassen. das man anscheinend nicht oft genug wiederholen kann.

Meine Töchter sind nicht mein Besitz.
Ich bin nicht der Türsteher ihrer Sexualität.
Es sind nicht deine und nicht meine Regeln. Es sind ihre Regeln.
Ihre Körper, ihre Regeln.
Halte dich an ihre Regeln.