Mit der Podcasterin und Autorin Katrin Rönicke sind wir schon länger freundschaftlich und kollegial verbunden. Wir schätzen ihren pragmatischen Ansatz, Feminismus für alle Interessierten an sehr alltagsbezogenen Beispielen erklärbar und erfahrbar zu machen.

Ob sie dies nun in Texten (zum Beispiel für uns) oder in Gesprächen tut – das Bemühen um emanzipatorische Fortschritte und Gleichberechtigung formuliert sie dabei stets eher als Einladung denn als Kampfansage. Vor diesem Hintergrund legt sie nun nach Bitte Freimachen ihr zweites Buch vor: Für die 100-Seiten-Reihe von Reclam

hat sie sich mit dem Thema Sex auseinandergesetzt. Dass und warum gerade Sex eine feministische Dimension hat, ist kein Geheimnis. Entsprechend gespannt waren wir, wie Katrin das umsetzen würde. Reichen 100 Seiten für so ein weites Feld? Wird es explizit? Ist das ein Aufklärungsbuch für Erwachsene? Kann das funktionieren?

Um es vorweg zu nehmen: Ja, das Buch funktioniert hervorragend. Allerdings ganz anders als gedacht und dann doch wieder wie zu erwarten. Aber der Reihe nach. Was an Sex. 100 Seiten als erstes auffällt, ist der Ton. Freundlich, zurückgenommen, Vorschläge machend.

ich würde gerne
ich glaube fest
ich befürchte

Fast möchte man nach ein paar Seiten „Nun sag doch einfach, wie es ist“ murmelt und das Buch genervt beiseite legen. Aber eben nur fast. Denn tatsächlich bedient sich die Autorin eines Kunstgriffs, der nicht genug wertgeschätzt werden kann: Sie erlaubt Einblicke in ihre eigene Sexualität und kommt so üblichen Scham- und Peinlichkeitsreflexen zuvor. Katrin Rönicke macht sich in diesem Text nackt, damit sie mit ihren Leser*innen über Nacktheit und vieles mehr ins Gespräch kommen kann. Nicht um sich zu produzieren oder biografisch Zeugnis abzulegen, sondern als Möglichkeit, miteinander auf Augenhöhe zu kommunizieren.  Das klappt erstaunlich gut. Den Gestus eines dozierenden Expertinnentums sucht man trotz zahlreicher Fakten und einiger Abbildungen vergeblich. Stattdessen Neugier auf ein Thema, bei dem Erwachsene gerne so tun, als wüssten sie alles nur Erdenkliche darüber und als könnte man ihnen dazu nichts Neues erzählen. Dass das Gegenteil der Fall ist, zeigen nicht nur die zunehmende Sprachlosigkeit von Eltern gegenüber ihren Kindern was Sexualität anbelangt, sondern eben auch dieses Buch. Katrin Rönicke plädiert damit dafür, neugierig und offen endlich mal Ernst zu machen mit dem Sex. Sich nicht hinter einem undurchdringbaren Nimbus aus Kenn ich, weiß ich, hatte ich schon zu verstecken. Letztlich zeigt das Buch, wie sehr wir unser eigenes Interesse an Sexualität unter stereotypen Bildern und aufgesetzter Abgebrühtheit begraben haben – und es tut etwas dagegen.

Wie es das tut, könnte man dem Buch durchaus zum Vorwurf machen. Sexarbeit, Begehren, Autoerotik, Pornografie Sexualität im Islam und vieles mehr – all das wird lediglich angerissen und leidet gelegentlich deutlich unter einer etwas unterkomplexen Darstellungsweise. Zum Beispiel wenn die Autorin auf die Daten des Pornoportals Pornhub Bezug nimmt, ohne dabei zu erwähnen, welche Firma quasimonopolistisch hinter dieser und vielen anderen Tube-Seiten steht und wie das die Pornografie beeinflußt. Es wäre ein Leichtes zu konstatieren, dass man so plaudernd, schlaglichtartig und persönlich nicht über Sex schreiben sollte. Dann hätte man die Formatvorgaben allerdings völlig aus den Augen verloren. 100 Seiten. Deshalb: Doch! Genau so schreibt man auf 100 Seiten über Sex.

Sex. 100 Seiten erschienen im Reclam Verlag. 100 Seiten, 10 €