„Du…Sexarbeiterin!“ – Schimpfwörter auf deutschen Schulhöfen

Eine 12-jährige ist wütend. F*tze hat er sie genannt, vor der Schule, und Hure, auf ihr Fahrrad gespuckt und mit ihr gerangelt. In den letzten Wochen habe ich wiederholt von Mädchen gehört, was sie sich so von Jungs in der Schule täglich anhören müssen. Wenn ich das anderen Erwachsenen erzähle, kommt sehr oft der Einwand: „Tja, diese Großstadt-Jungs mit Migrationshintergrund….“. Nein. In den meisten Fällen waren es Peters, Pauls oder Matzes gegen Louises, Antonias und Sophies. Nicht Realschule sondern Gymnasium. Nicht Brennpunktstadtteil sondern in jedem Viertel von Hamburg. Was ist denn da bitte los?

„Ja, aber sie hat ihn doch „A***loch“ genannt! Und „F*ck dich!“ gerufen!“ (Als sie auf dem Boden lag und er auf „Stop!“ nicht reagiert hat.) „Das geht doch auch nicht!“ argumentierte der Vater des Kindes, das gespuckt hat. Er hat Recht, dass es nicht in Ordnung ist, sich in der Peergroup so gegenseitig zu begegnen. Aber dass „F*tze“ mehr als eine Spur härter als A***loch ist – mit der Meinung scheine ich allein zu sein.

12-Jährige Schulkinder necken sich gerne ausgiebig. Da wird provoziert und Bibi und Tinas „Mädchen gegen Jungs“ von Dolby Surround auf Schulhoftimbre übertragen.

Das bringt Spaß, erstes Kribbeln und ist komplett legitim, solange es keine körperlichen Übergriffe gibt. Ein Schlagabtausch auf dem Niveau von „A***loch“ stört zwar das niedliche Bild, aber auch rauere Sprache kann zum Foppen, Necken, „Mädchen / Jungs ärgern“ gehören. Verstörend ist eher die Unausgeglichenheit der gängigen Beleidigungen, die viele Eltern überhaupt nicht wahrnehmen. Aus einem Hintern kommt stinkender Abfall, und mit diesem wird sowohl ein männliches wie ein weibliches „A***loch“ assoziiert. Nicht schön, aber ziemlich gleichberechtigt. Auch „F*ick dich“ ist gleichwertig erniedrigend: Wie mit „Verpiss dich“ wird nahe gelegt, dass man sich in irgendeiner Form besudelt bzw. peinlich verhält: In dem man zu viel, mit dem gleichen Geschlecht oder sogar Tieren verkehrt. Ziemlich grauenhaft, eigentlich, wenn man darüber nachdenkt, wie sexfeindlich, homophob und slutshame-nd dieser Ausdruck ist, der überall und ständig fällt. Auch das Ausweichen auf das englische „F*ck“ hilft da wenig, auch, wenn das Wort über Generationen ad absurdum mutiert wurde: „What the f*ck?“ hat wahrscheinlich überhaupt keine Aussage mehr. „F*ck you!“ ist trotzdem ein extrem brutaler Ausdruck, wenn man die englische Etymologie Ernst nimmt, die mit „I f*ck you“ eher von einem erniedrigenden sexuellen Akt ohne Konsens spricht. Alles unfein, aber für beide Geschlechter gleich ätzend.

Im Deutschen gibt es jedoch kein Äquivalent zur abwertenden Bezeichnung des weiblichen Geschlechtsteils. Mit „F*tze“ ist eine Frau bzw. ihr Geschlecht gemeint, die oder das abwertend bezeichnet wird. Dabei sind die Begriffe F*tze, „Bitch“ (engl: läufige Hündin) und Hure alle ziemlich gleichwertig konnotiert als Bezeichnung für Frauen, die viel Sex haben und / oder dafür Geld nehmen. Eine Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen, einer Abwertung von selbstbestimmter Sexualität und einer Kultur, in der Frauen für Anzeigen von Vergewaltigungen bestraft werden ist dies alles genau so zuträglich wie einem frühen Einschüchtern von Mädchen, ihren Platz in einer noch sehr patriarchalen Gesellschaft einzunehmen und dieses Bild weiter zu tragen. Dann ist auch die Freundin, die mit vielen Jungs knutscht eine „Schlampe“ und die gehasste Deutschlehrerin eine „Fotze“.

Klar kann man argumentieren, dass Kinder das alles doch nicht wissen. Dem ist aber nicht so. Kinder, die von ihren Eltern oder Institutionen nicht über die Bedeutung dieser Wörter aufgeklärt werden, tragen diese Bedeutungen unzensiert weiter. Sie arrangieren sich in einem unhinterfragten Wertesystem, in dem Sexarbeiterinnen tatsächlich diskriminiert werden, in dem Vergewaltigungen Klick-Hits im Internet sind und unsere Lu Likes sich darüber aufregt, dass manche Schimpfwörter eben nur für Mädchen sind.

Im englischen Wortschatz gibt es sehr wohl Schimpfwörter für das männliche Geschlecht: Mit „Dickhead“ und „Prick“ bezeichnet man Männer, die unsozial agieren und ihre männlich-privilegierte Stellung ausnutzen. So sind diese Wörter diffamierend, nicht aber diskriminierend. Auch „Du Weichei!“ ist echt fies und kann wirklich weh tun. Die Qualität von „Schlampe“ trifft das Wort dennoch nicht, weil Männer nicht über Jahrhunderte in ihrer sexuellen Selbstbestimmung und in ihrem Geschlecht abgewertet worden sind.

Ich habe es satt, dass man Eltern 2016 noch erklären muss, dass diese Schimpfwörter in die Steinzeit, auf jeden Fall nicht auf einen gleichberechtigten Schulhof gehören. Lieber Paul, dann nenne sie doch bitte Vulva-Königin. Vagina-Diva. Am liebsten aber bleibst du bei Wörtern, die für jedes Geschlecht gelten können. Dann fehlt dir jedoch Macht, denn gleichgeschlechtliche Schimpfwörter, die Frau nicht als sexuell aktives Wesen abwerten, tun weniger weh. Mein Traum: Dass die männliche Generation 2016 lernt, auf diese Macht zu verzichten. Oder wir so oft für die Rechte von Sexarbeiter*innen auf die Straße gehen, bis Mädchen über den Versuch der Beleidigung durch das Wort „Hure“ nur noch lachen können. Das wär doch was.

Stevie Schmiedel

Bild: Screenshot „Mädchen gegen Jungs“