Familie ist, was du draus machst

Familie ist, was du draus machst

Eine Kolumne von Nils Pickert

Der Mai ist da und mit ihm stehen die ĂŒblichen VerdĂ€chtigen vor der TĂŒr: Muttertag und Vatertag nĂ€mlich, die Pinkstinks in der Vergangenheit immer wieder zum Anlass genommen hat, um stereotype und sexistische Werbung zu kritisieren. Das war auch wirklich nicht schwer. AlljĂ€hrlich ĂŒberbietet sich die Industrie zu diesen AnlĂ€ssen, um Mutti mit BlĂŒmchen und pinkifizierten Pflege- und Putzprodukten zu ĂŒberhĂ€ufen. „Danke“ sagt man eben am besten mit NĂ€hmaschine, BĂŒgeleisen und Staubsauger. Oder – auch das ein Klassiker – mit Fleisch in Herzchenform.

Vatertag war in der Vergangenheit allzu oft Bollerwagen, mobiles BesÀufnis und Herrengedeck und hatte absolut nichts mit Vaterschaft zu tun.

DarĂŒber zu berichten, war mir immer ein Grauen. Vor allem, weil Industrie und Werbewirtschaft vor keiner AbsurditĂ€t zurĂŒckgeschreckt sind, um ihre Produkte zu verkaufen. SpĂ€testens bei Toilettenpapier im „Muttertagsdesign“ fĂ€llt auf, dass die Lage ziemlich beschissen ist.

Vorsichtig formuliert bin ich also kein Fan von der Ausgestaltung dieser „Feiertage“. So wenig, dass ich alternativ schon einmal vorgeschlagen habe, stattdessen einen Kindertag abzuhalten. Einen Tag, an dem wir feiern, dass es Kinder gibt, ihnen sagen, wie toll sie sind und ĂŒberprĂŒfen, was wir im letzten Jahr im Kampf fĂŒr Kinderrechte und gegen Kinderarmut geschafft haben, um ggf. nachzubessern. Gerade mit Blick auf Corona wĂ€re so ein Tag mehr als nötig. Ich bin ĂŒbrigens nicht der Einzige, der mit diesen Tagen Schwierigkeiten hat. Der Familienforscher Wassilios Fthenakis hat gerade erst den Vorschlag gemacht, Mutter- und Vatertag zu einem Familientag umzuwidmen „als Tag der Liebe, des Miteinanders, des VerstĂ€ndnisses und Respekts“. Besonders mit Blick auf den Muttertag konstatiert Fthenakis eine unrealistische Traditionalisierung bestehender VerhĂ€ltnisse, die auf MĂŒtter zu viel Verantwortung ablĂ€dt. In den transfeindlichen Ecken des Internets wird das natĂŒrlich einmal mehr zum Anlass genommen, sich ĂŒber die „Abschaffung von Frau und Mutter“ zu echauffieren, weil Fakten wie mittlerweile ĂŒblich einfach gar nicht mehr mit dem eigenen Erregungspotenzial korrelieren.

TatsĂ€chlich gehen sowohl Fthenakis als auch meine Idee bei genauerer Betrachtung nicht weit genug. Beide wurzeln immer noch in einer heteronormativen Familienaufstellung, die sich zwar Vielfalt wĂŒnscht und sie feiern möchte, zugleich aber einfach nur das klassische Mutti-Vati-Kernfamilienbild um ein paar DiversitĂ€tsaspekte erweiter will.

Das reicht nicht und wird der RealitÀt nicht gerecht.

Familie findet auch in Co-Elternschaft, Wahlverwandtschaft, Regenbogenkonstellationen und queeren Kontexten statt. Familie ist dort, wo wir in Liebe Verantwortung ĂŒbernehmen und uns verlĂ€sslich umeinander kĂŒmmern. Familie ist dort, um meine eigene Definition von Liebe heranzuziehen, wo sich Menschen ineinander beheimaten. Das sollten wir feiern. DafĂŒr sollten wir mit aller Macht kĂ€mpfen, es in Ehren halten und unterstĂŒtzen, wo und wie wir nur können. Familie ist das einander die HĂ€nde reichen ĂŒber den Abgrund der Vereinzelung. Wem diese HĂ€nde gehören, entscheiden diejenigen, die sie ausstrecken und annehmen. Nicht der internationale Rat zur schicklichen Handreichungspraxis und auch nicht irgendwelche altertĂŒmlichen Texte, in denen Typen ihre Ignoranz und ihren Ekel darĂŒber zementieren, wer sich alles womöglich die Hand geben könnte.
Deshalb wĂŒnsche ich mir, dass wir Familie feiern. Und zwar in dem Sinne, wie Familie unser Begriff fĂŒr menschliche Beziehungskonstellationen ist, in denen sich Menschen in liebevoller, wertschĂ€tzender Verantwortung umeinander kĂŒmmern, sich halten und ermĂ€chtigen.

Familie ist, was du draus machst.


Wenn wir in unseren Texten von Frauen und MĂ€dchen bzw. MĂ€nnern und Jungs sprechen, beziehen wir uns auf die strukturellen und stereotypen gesellschaftlichen Rollen, die alle weiblich und mĂ€nnlich gelesenen Personen betreffen. HĂ€ufig greifen wir auch Statistiken auf, die meistens leider nur die binĂ€ren Geschlechter “Frau” und “Mann” berĂŒcksichtigen. 

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Bildquelle: unsplash/Kedar Gadge