Feminist*innen tragen nie einen BHs, und wer BHs anzieht, macht dadurch automatisch mit dem Patriarchat gemeinsame Sache – das ist so natürlich Quatsch. Trotzdem lohnt sich ein Blick auf die Geschichte dieses Kleidungsstücks, um zu verstehen, woher diese Vorstellung kommt, und wie BHs und Feminismus zusammenhängen. 

Die Abkürzung BH steht für Büstenhalter und das beschreibt die ursprüngliche Funktion ziemlich genau: die Büste halten. Aber will jede Büste gehalten werden? 

Im Laufe der Geschichte wurden Brüste auf unterschiedliche Weisen eingekleidet und bedeckt, zum Beispiel mit einfachen Leibchen. Die Idee für den BH ist gegen Ende des 19. Jahrhunderts in verschiedenen Varianten an verschiedenen Orten ungefähr gleichzeitig entstanden. Die Version, die wir kennen, hat die Amerikanerin Mary Phelps Jacob entwickelt, um das unbequeme Korsett abzulösen. Mary hat sich aus zwei Tüchern ein neues, bequemeres Unterwäschestück gebastelt und es 1914 patentieren lassen – deshalb gilt sie als Erfinderin des BHs. In den 1920er Jahren war der BH ein Symbol der Befreiung, vor allem moderne Frauen zogen ihn an und galten damit als rebellisch, weil sie auf das Korsett verzichteten. Der BH wurde immer beliebter und setzte sich durch; in den 1930ern kamen die Körbchengrößen dazu und in den 1950ern wurden die Körbchen spitzer und fester.

Warum so viele Menschen heute Feminismus mit BH-Losigkeit verbinden, liegt an den BH-Verbrennungen in den späten 1960ern. Die Gesellschaft erwartete ein halbes Jahrhundert nach der Erfindung des BHs, dass Frauen einen solchen anziehen sollten – egal, ob sie es bequem fanden oder nicht. Der BH wurde von einem Symbol der Befreiung zu einem Symbol der Einengung und Unterdrückung. In Atlantic City protestierte 1968 eine Gruppe von mehreren hundert Frauen- und Bürgerrechtler*innen gegen eine Miss-Wahl und „das Image von Miss America (…) das Frauen in jeder Hinsicht unterdrückt“, wie es in einer Pressemitteilung damals lautete. Die Protestierenden machten auf Sexismus und Rassismus aufmerksam. Eine Aktion bei dem Protest war die „Freedom Trash Can“ – die Mülltonne der Freiheit –, in die Frauen Dinge werfen und verbrennen sollten, die sie in ihrer Freiheit einschränken. Zum Beispiel Lockenwickler, Frauenzeitschriften und natürlich auch BHs. Als Zeichen von Befreiung und Selbstbestimmung. Allerdings wurde die Mülltonne an dem Tag nicht angezündet, weil das auf dem hölzernen Fußweg vor dem Veranstaltungsort zu gefährlich gewesen wäre. Trotzdem hat sich das Bild von Feminist*innen, die ihre BHs ausziehen, hochhalten und verbrennen, verbreitet und eingeprägt. Und der (brennende) BH wurde ein leuchtendes Symbol im Kampf für Frauenrechte.

Das änderte sich in den 1990er Jahren mit dem Push-Up. Durch Schaumstoff- oder Gelpolster wurden aus unterschiedlich geformten natürlichen Brüsten unechte, aufgepumpte und immer gleich aussehende Kunstkugeln, die ein vollkommen unrealistisches Bild vermittelten. Brüste wurden versteckt, verformt und vergrößert. Um möglichst sexy zu wirken – aus Männersicht. Seit einigen Jahren geht der Trend aber immer weiter weg vom Push-Up und mehr in Richtung Bralette ohne Polster oder Bügel. Mode wird von gesellschaftlichen Veränderungen beeinflusst. Und da tut sich beim Thema BH eine ganze Menge.

Inzwischen gibt es nämlich wachsende Bewegungen, die sich dafür einsetzen, dass Menschen mit Brüsten keinen BH tragen sollen oder müssen. Die US-Schauspielerin und Regisseurin Lina Esco brachte zum Beispiel 2014 einen Doku-Film mit dem Titel „Free the Nipple“ – „Befreit die Brustwarze” – raus und machte so auf die Kriminalisierung und Zensur von Brüsten aufmerksam. Damit startete sie die „Free the Nipple“-Kampagne. Unzählige sehr bekannte, weniger bekannte und gänzlich unbekannte Aktivist*innen haben seitdem ihre BHs abgelegt und unterstützen Bewegungen wie „Free the Nipple“ oder „NoBra”. Dazu gehören Blogger*innen, Vlogger*innen, aber auch internationale Promis wie Rihanna, Miley Cyrus, Kendall Jenner oder Lena Dunham. Nicht nur, weil sie BHs unbequem finden. Sondern auch als politisches Statement. 

Denn es geht dabei um einen wichtigen Punkt: Frauen wollen sich nicht vorschreiben lassen, was sie anzuziehen haben. Laut Gesellschaft sollen sie einen BH tragen und damit ihre Brüste gleichzeitig zeigen und verbergen. Was ziemlich paradoxer Nonsens ist. Dahinter steckt aber noch etwas anderes. Nämlich die Sexualisierung von Frauenkörpern. Eine Frau kann ihren Körper oder Teile ihres Körpers – und dazu gehören auch Brüste – nicht unbekleidet in der Öffentlichkeit zeigen, ohne dass ihre (teilweise) Nacktheit mit Sex in Verbindung gebracht und ihre Attraktivität bewertet wird. Das ist übergriffig, nervig und einschränkend.

Besonders weibliche Brustwarzen werden sexualisiert – und deswegen zensiert; männliche hingegen nicht. Das sieht man zum Beispiel in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram. Die Plattformen löschen Bilder, auf denen weibliche Brustwarzen zu sehen sind. Ganz egal, in welchem Zusammenhang – ob beim Stillen oder um auf Brustkrebs aufmerksam zu machen. Männliche Brustwarzen dürfen jedoch munter weiter den Stream füllen. Warum soll sich der eine Teil der Menschheit für seine Brustwarzen schämen, der andere aber nicht? Eine Frau, die unter ihrem T-Shirt oder Pulli keinen BH trägt, wird oft angestarrt. Dabei gilt dann absurderweise nicht das übergriffige Glotzen als Problem, sondern dass die Frau keinen BH trägt. Maskuline Menschen können sogar komplett oben in der Öffentlichkeit herumlaufen, ohne behelligt zu werden – feminine Menschen auf gar keinen Fall. Das ist eine Doppelmoral; es gelten unterschiedliche Regeln für die Geschlechter. Das liegt daran, dass in einer patriarchalen Gesellschaft Männer bestimmen, wie die anderen Geschlechter gesehen werden – und dass Brüste immer mit Sex zu tun haben.

Damit viele Frauen also auch weiter brav BHs tragen, wird durch Mythen indirekt Druck aufgebaut; so sollen Brüste ohne BH angeblich mit der Zeit schlaff werden und hängen. Wissenschaftliche Untersuchungen können das aber nicht bestätigen; keinen BH zu tragen, schwächt das Gewebe nicht. Die Muskulatur kann sogar kräftiger werden, weil sie mehr zu tun hat. Außerdem berichten viele Menschen, dass sie ohne BH besser atmen können und sich freier fühlen. 

Doch das trifft längst nicht auf alle zu. Es gibt zum Beispiel Menschen mit größeren Brüsten oder weicherem Gewebe, die lieber mehr Halt haben möchten. Oder die ohne BH auf Dauer Rückenschmerzen bekommen. Jede*r kann selbst spüren, ob es den eigenen Brüsten mit oder ohne BH besser geht. Dabei ist es vor allem wichtig, dass ein BH wirklich gut passt und bequem ist. Denn Brüste verändern ihre Größe nicht nur im Laufe des Lebens, durch Schwangerschaft oder Stillen – sondern auch abhängig vom Zyklus. 

Ja, ein BH kann sich einengend anfühlen. Die Träger können rutschen oder einschneiden, der Stoff kann kratzen, die Bügel können pieksen. Solche BHs gehören tatsächlich verbrannt. Ein BH kann aber auch wärmen, stützen und sogar empowernd wirken. Was einige Menschen als einengend empfinden, kann sich für andere bequem, bestätigend und beschützend anfühlen. Manche tragen BHs, wenn sie in Stimmung dafür sind oder beim Sport, andere jeden Tag, wieder andere nie. 

Inwieweit einen BH zu tragen oder nicht feministisch ist, hängt mit einem ganz entscheidenden Aspekt zusammen: Ob und wann jemand einen BH trägt oder keinen, geht nur die Person selbst etwas an. Es sollte eine freie Entscheidung und kein Problem sein, das Haus ohne BH verlassen zu können – und zwar ohne angestarrt und sexualisiert zu werden. Alle Menschen sollen selbst über ihren Körper und ihre Kleidung bestimmen dürfen. Und sonst niemand.

Anmerkung: **Uns ist bewusst, dass der Text in Teilen nur eine binäre Perspektive darstellt. Hier geht es um die Erläuterung einer patriarchalen Geschlechterdynamik mit einem binären “Mann” / “Frau” Gefälle, obwohl das längst nicht alle Menschen umfasst .

Bildquelle: Pinkstinks
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