Viele mögen das vielleicht nicht sofort glauben, aber: Berühmte Frauen haben es schwer. Warum? Weil ihre Körper permanent und gnadenlos kommentiert werden – in Social Media, im Fernsehen, in Zeitung. 

Wenn prominente Frauen ab- oder zunehmen, wenn sie älter werden oder jünger wirken, wenn sie sich im Bikini am Strand oder am Pool zeigen, wenn sie ihre Haare oder Klamotten anders tragen oder einfach nur ohne Make-Up rausgehen – kurz: wenn sie existieren – wird ihr Aussehen öffentlich thematisiert, breitgetreten und bewertet.

Anfang Oktober tauchten Paparazzi-Fotos der Sängerin Billie Eilish auf. Eigentlich komplett unspektakuläre Bilder. Eigentlich. Denn normalerweise trägt die 18-Jährige am liebsten Oversized-Outfits, auch um Diskussionen über ihren Körper zu vermeiden. „Das gibt niemandem die Gelegenheit, sich ein Urteil darüber zu erlauben, wie der Körper darunter aussieht“, sagte sie in einem Interview.

Auf den Paparazzi-Fotos trägt die Sängerin aber ein enges Spaghettiträger-Top – und daraufhin wurde ihr Körper überall öffentlich kommentiert. Nicht immer freundlich, auf Twitter schrieb zum Beispiel jemand: „Innerhalb von 10 Monaten hat Billie Eilish den Körper einer Wein-Mutti Mitte 30 entwickelt.“ 

Dabei ist es ein ganz normaler Körper. Auch, als sie Urlaubsfotos auf Instagram postete oder auf der Bühne als Statement ihr Top anhob, gab es ähnliche Diskussionen. 

Selbst vermeintlich positive Kommentare können dabei einen unangenehmen Unterton haben. So wurde Billie Mut attestiert, weil sie sich zeigt, wie sie ist. Nur: Was genau ist daran mutig, einfach so auszusehen, wie man aussieht? Und – noch viel entscheidender: Warum müssen sich prominente Frauen eigentlich ständig für ihr Aussehen rechtfertigen?

Dafür gibt es zwei Hauptgründe: Zum einen werden Prominente auf ein Podest gestellt. Sie sollen cooler, netter, schlauer, besser, reicher und natürlich vor allem schöner sein als der Rest der Welt. Und weil sie berühmt sind, wird das quasi rund um die Uhr genau beobachtet. Zum anderen herrschen in unserer Gesellschaft vollkommen überzogene Schönheitsideale – und zwar insbesondere für feminine Personen. 

Weibliche Prominente, die so richtig im Rampenlicht stehen, müssen also doppelt hohe Anforderungen erfüllen. Sie sollen in jeder Lebenslage uneingeschränkt dem entsprechen, was die Gesellschaft als schön definiert – was an sich schon extrem überzogen ist. Und sie sollen, weil sie bekannt sind, darin auch noch viel, viel besser sein als die nicht-berühmte Mehrheit. 

Wegen dieser Idealisierung können Normalsterbliche manchmal einen Hauch heimlicher Schadenfreude nicht unterdrücken, wenn prominente Frauen genau so an den überzogenen Schönheitsidealen scheitern wie sie selbst. Es ist eine kleine Erleichterung zu spüren, mit diesem Druck nicht allein zu sein. Und zu merken, dass selbst die, denen Visagist*innen, Personal trainer*innen, Stylist*innen, Ernährungsprofis und eine komplette Assistent*innen-Schar zur Seite stehen, das Ideal nicht erreichen. Außerdem fühlt man sich unperfekten Stars kurz ein Stück näher: Cellulite verbindet.

Genau diese Impulse nutzen Medien, um Reichweite zu erzielen. „Auch die schönsten Promi-Damen haben das ungeliebte, weiche Gewebe an Oberschenkeln und Popo“, heißt es in einem typischen Artikel über bekannte Frauen wie Michelle Hunziker, Jennifer Lopez und Blake Lively. Natürlich haben sie das, sie sind schließlich Lebewesen.

Als die britische Sängerin Adele (32) zu ihrem Geburtstag ein Bild von sich auf Instagram postete, auf dem sie deutlich schlanker aussah, gab es direkt jede Menge Beglückwünschungen für ihren Gewichtsverlust – als wäre das (und nicht ihre zahlreichen Musik-Auszeichnungen und Erfolgs-Alben) das absolute Highlight ihrer Karriere. Einige fühlten sich aber auch um eine nicht der Norm entsprechende Identifikationsfigur betrogen und waren enttäuscht. Dabei ist es total egal, ob Adele mehr oder weniger wiegt – es geht schlicht niemanden was an, ob und warum sie ab- oder zunimmt. Es ist ihr Körper, der nicht öffentlich kommentiert zu werden hat. 

Das sind nur ein paar harmlosere Beispiele. Wer allerdings Klatsch- und Frauenmagazine aufschlägt, wird von brutalem Bodyshaming förmlich angesprungen. Dellen, Falten, Furchen – alles Körperliche wird gnadenlos unter die Lupe genommen und bewertet. Das bezieht sich nicht nur auf US-Medien, Klatschpresse wie Bunte, InTouch oder Gala oder auch Frauenmagazine; die meisten klassischen Medien können es sich nicht verkneifen, das Aussehen prominenter Frauen zu kommentieren. So verbreiten sie die unerfüllbaren Schönheitsideale und festigen sie dadurch. Als Birgit Schrowange sich nach über 20 Jahren des Haarefärbens und Perücktetragens 2017 mit ihren natürlichen kurzen, grauen Haaren zeigte, war das laut stern eine „radikale Typveränderung“.

Stattdessen wäre es an der Zeit, diese gesellschaftlichen Ansprüche an weiblich gelesene Menschen endlich zu hinterfragen und loszuwerden. Der Ursprung dieser Ansprüche liegt in einer patriarchalen Gesellschaft, in der sich der Wert von Frauen vor allem darin bemisst, dass sie möglichst jung und schön sein sollen. Nicht Erfolg oder Talent machen sie aus, sondern ihr Aussehen. Kurvig, aber ja nicht zu rund; weiblich, aber auch süß und stupsnasig; sportlich, aber bloß nicht zu muskulös; volles Haar, aber ausschließlich an der richtigen Stelle und lieber nicht grau… All das ist nicht nur unerreichbar, sondern auch unglaublich energie- und zeitaufwändig. 

Wenn Frauen aber den Großteil ihrer Zeit damit verbringen, einem unerreichbaren Ideal hinterher zu jagen und ihren Selbstwert anzuzweifeln, weil sie eben nie schön genug sein können, dann haben sie deutlich weniger Ressourcen und Kraft, um große Dinge anzugehen und zu verändern. Aus Patriarchats-Perspektive ein praktischer Kontrollmechanismus. Der Kapitalismus freut sich auch, schließlich lassen sich damit unendlich viele Beautyprodukte verkaufen. Der weibliche Körper soll alles Mögliche sein: Verkaufsfläche für Schönheitsmittel, Sporttempel, Reproduktionsmaschine, Sextoy. Nur einfach ein normaler Körper sein darf er nicht.

Soziale Netzwerke mögen das verstärken, neu ist es aber nicht. Im Gegenteil: Schon in den Gedichten aus Shakespeares Zeit wurden Frauenkörper idealisiert, kommentiert und bewertet. „Ein frauenfeindliches Erbe,“ wie die Literaturprofessorin Phyllis Rackin schreibt, „das auch im 21. Jahrhundert fortbesteht […] in der Magersucht-Epidemie, bei der Mädchen im Teenageralter ihre sich entwickelnden Körper verhungern lassen, und im Selbsthass, der erwachsene Frauen dazu treibt, sich den schmerzhaften Verstümmelungen durch Fettabsaugung und plastische Chirurgie zu unterziehen.”

Und das betrifft alle weiblichen Körper, nicht bloß die prominenten. Nur sind die eben viel sichtbarer. Letztlich geht es nicht darum, wie ein weiblicher Körper aussieht – sondern was Frau damit tut. Egal, ob berühmt oder nicht.

Anmerkung: Uns ist bewusst, dass der Text in Teilen nur eine binäre Perspektive darstellt. Hier geht es um die Erläuterung einer patriarchalen Geschlechterdynamik mit einem binären “Mann”-“Frau”-Gefälle, obwohl das längst nicht alle Menschen umfasst.

Bild: Unsplash

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