lesbisch, queer

Zu wenige lesbische Vorbilder in TV & Serien!

Filme und Serien sind großartig: Sie entführen uns in neue Welten, fesseln uns mit spannenden Geschichten, lassen uns interessante Figuren kennenlernen, auf die wir in unserem Alltag nie stoßen würden. Da bieten sich also unfassbar viele Möglichkeiten – gerade für Geschichten und Figuren, die nicht Teil der Mehrheit unserer Gesellschaft sind. Doch wer sich die Programme der deutschen Fernsehsender und die Angebote der Streamingdienste anschaut, stellt fest: Diversität sieht anders aus. Die meisten Figuren sind weiß, männlich und heterosexuell. Aber wir brauchen endlich lesbische und queere Vorbilder in Filmen und Serien.

Dass es die bisher so selten gibt, ist ein Problem, denn Filme und Serien dienen nicht einfach nur der Unterhaltung, der Ablenkung und dem Nervenkitzel. Sondern sie erfüllen auch andere Aufgaben. Darunter: Sie bieten Vorbilder; Figuren, mit denen sich die Zuschauer*innen identifizieren können, von denen sie sich etwas abgucken können. Besonders für Menschen, die in ihrem Alltag und in ihrem Umfeld wenige andere Menschen finden, mit denen sie sich identifizieren können, ist das sehr wichtig. Zum Beispiel: Mädchen, die feststellen, dass sie lesbisch sind. Sie sind meistens von Menschen umgeben, die heterosexuell sind und haben bisher auch vor allem Bücher, Filme und Serien gelesen und gesehen, in denen die Figuren das andere Geschlecht lieben oder stillschweigend davon ausgegangen wird, dass das so ist. Dabei wäre es für sie so wichtig, Figuren kennenzulernen, bei denen sie sagen können: “Die ist ja wie ich!”. Figuren, die sie beobachten können, von denen sie lernen können, von denen sie sich verstanden fühlen. 

Doch lesbische Figuren sind Mangelware. Die findet nur, wer gezielt sucht. Klar gibt’s Serien, die dann immer genannt werden, wie “Orange Is The New Black” oder “The L-Word”. Aber sie sind Ausnahmen, die wieder die Regel bestätigen: Die Hauptfiguren in Serien und Filmen sind männlich und hetero. Bei Nebenfiguren ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie weiblich und homosexuell sind, ein bisschen größer. Aber leider ist hier dann auch die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie keine eigenständigen Figuren mit eigener Motivation und eigenen Charaktereigenschaften sind, sondern nur dazu dienen, die Geschichte anzutreiben. Wenn sie ihren Zweck erfüllt haben, ziehen sie weg – oder sterben. (In den USA gibt’s seit eine Debatte über das Muster, dass queere Figuren in Serien seit Jahrzehnten sterben. “Bury your gays” wird dieses Erzählklischee genannt.)

Wenn eine bei der Suche nach einer lesbischen Figur Erfolg hatte, folgt oft die nächste Enttäuschung. Häufig ist es nämlich immer dieselbe Geschichte, die mit diesen Figuren erzählt wird: das Coming-Out. Das ist zwar für ein Mädchen, das gerade festgestellt hat, dass es lesbisch ist, eine wichtige Geschichte. Doch ein Mädchen, dass das Coming-Out längst hinter sich hat, braucht Figuren, die andere Sachen durchmachen. Die erste Freundin, der erste Sex. Und: Wie finde ich meinen Platz in der Welt, die mich als Randerscheinung wahrnimmt? Und später, wenn aus dem Mädchen eine Frau geworden ist, ganz banal: lesbisches Zusammenziehen, lesbische Familienplanung, lesbisches Familienleben. Lesbische Lebensentwürfe! Und auch lesbische Figuren, bei denen das Lesben-Sein nicht im Mittelpunkt der Geschichte steht. Aus all dem lassen sich spannende und tolle Geschichten finden und schreiben. 

Doch, und jetzt kommen wir zum eigentlichen Problem: Es gibt zu wenige, die in der Lage sind, diese Geschichten überzeugend zu schreiben und durchzusetzen. Denn die überwältigende Mehrheit derjenigen, die in Deutschland diese Serien und Filme schreiben und darüber entscheiden, ob sie produziert werden, ist: weiß, männlich und heterosexuell. Also genau wie die überwältigende Mehrheit der Figuren. Zufall? Nein, natürlich nicht. Schauen wir kurz auf die Schreiber-Seite: Ein Mann, der in einer patriarchalischen Gesellschaft wie unserer aufwächst, lernt, die Welt aus der Mann-Perspektive zu betrachten. Er übernimmt die Standard-Einstellung: Mann. Die Geschichten, die ihm einfallen, drehen sich um Männer, weil das seine Lebenswirklichkeit ist. Natürlich nimmt er wahr, dass es neben Männern auch andere Menschen gibt. Aber der Ausgangspunkt ist immer: der Mann, wie der Mann denkt, wie der Mann sich verhält, was der Mann fühlt. Davon ausgehend kann dieser Drehbuchautor sich Figuren und ihre Geschichten ausdenken, die nicht männlich sind. Doch im Grunde dreht sich dann immer noch alles um den Mann. Und das ist den von diesem Autor geschriebenen Figuren anzumerken. Sie sind oft nicht eigenständig, haben keine ausgearbeiteten Charaktereigenschaften, sollen nur den Plot oder die anderen Figuren antreiben. Es gibt Möglichkeiten, dem beizukommen: Recherche, mit anderen Menschen reden, andere Menschen beobachten. Aber solange sich der Drehbuchautor nicht seines Ausgangspunkts bewusst ist – seiner männlichen Brille -, wird er nie richtig gute Figuren schreiben, die nicht männlich sind. Von einem lesbischen Mädchen unterscheidet sich dieser typische Drehbuchautor nicht nur im Geschlecht, sondern auch in der sexuellen Identität. Damit wird es noch unwahrscheinlicher, dass er hier überzeugend schreibt. Und in vielen Fällen versucht er es gar nicht erst, sondern denkt sich die 1893. Variante einer männlichen Figur aus, die man so angeblich noch nie gesehen hat. 

Kommen wir zur Entscheider-Seite, egal ob im Sender oder in einer Produktionsfirma: Der Entscheider ist ebenfalls als Mann in einer patriarchalischen Gesellschaft aufgewachsen, in der das Männliche die Standard-Einstellung ist. Für ihn zählt die Frage: Passt die Serie oder der Film zum Publikum, das wir ansprechen wollen? Wenn er ehrlich wäre, müsste er diese Frage immer mit Schulterzucken beantworten. Denn das Publikum ist sehr schwer einzuschätzen. Und es wird immer unberechenbarer: Was vor fünf Jahren noch als sicheres Erfolgskriterium galt, ist längst überholt. In dieser sehr unsicheren Zeit darf der Entscheider natürlich nicht unsicher wirken. Und so setzt er vor allem auf das, was er kennt, weil es seiner Lebenswirklichkeit entspricht: von heterosexuellen Männern geschriebene Drehbuchkonzepte. Oder: Adaptionen von erfolgreichen Comics oder Romanen, meistens von Männern geschrieben. Welche Figuren in beiden Fällen nur am Rande vorkommen: lesbische Frauen.

Diese fehlende Sichtbarkeit lässt sich für alle gesellschaftlichen Gruppen durchdeklinieren, die nicht in der Weiß-männlich-heterosexuell-Gruppe vorkommen. Je weniger Attribute übereinstimmen, desto seltener findet mediale Repräsentation statt. Das ist nicht nur ein individuelles Phänomen der fehlenden Vorbilder, sondern auch ein gesellschaftliches: So werden ganze Gruppen ausgeblendet. Auch für die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft ist das übrigens ein Problem: Sie bekommen keine Möglichkeit, sich mit den Minderheitsgruppen auseinanderzusetzen, deren Herausforderungen und Bedürfnisse kennenzulernen, in deren Alltag einzutauchen. Aber dieses Problem ist den meisten gar nicht bewusst.

Was in beiden Fällen hilft: Diversität! Wenn Menschen, die nicht-männlich, nicht-weiß und/oder nicht-heterosexuell sind, Filme und Serien schreiben. Wenn Menschen, die nicht-männlich, nicht-weiß und/oder nicht-heterosexuell sind, über Drehbuchkonzepte entscheiden. Das führt dazu, dass wir andere Figuren, andere Geschichten und damit auch andere Vorbilder zu sehen bekommen. 

Weiterführende Links:
Studie zur Diversität und zur Darstellung der Geschlechter im deutschen Fernsehen: https://malisastiftung.org/studie-audiovisuelle-diversitaet/

Studie zur Diversität und zur Darstellung der Geschlechter bei Streaminganbietern: https://malisastiftung.org/studie-geschlechterdarstellungen-diversitaet-streaming-und-svod-serien/

Eine Bestandsaufnahme der queeren Frauenfiguren im deutschen Fernsehen gibt’s jedes Jahr im Serienblog “Seriennotizen”. Hier der Beitrag zum Fazit für 2020: https://www.seriennotizen.de/2020/11/queere-frauenfiguren-in-deutschen-serien-herbst-2020/ Und eine Liste, die immer weiter ergänzt wird, findet sich in diesem Blog auch: https://www.seriennotizen.de/queere-frauenfiguren-in-deutschen-serien/

Das Erzählmuster “Bury your gays” wird hier erklärt:
https://the-take.com/watch/the-bury-your-gays-trope-explained 

In der Filmwissenschaft spielt der vom Mann ausgehende Blick in die Welt eine besondere Rolle. Dieser “Male Gaze” wird hier gut erklärt: http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=2378

Es gibt einen einfachen Test für Filme, ob sie ausgearbeitete Frauenfiguren zeigen oder nicht: den Bechdel-Test. Welche Filme durchfallen und welche ihn bestehen, dazu gibt’s hier einen Überblick: https://bechdeltest.com/

Unter den deutschen Fernsehschaffenden gibt es verschiedene Initiativen für mehr Diversität. Eine davon ist zum Beispiel ein Offener Brief an Arte und ZDF, in dem es um die mangelnde Diversität bei den beauftragten Regisseur*innen geht.

Anmerkung: Uns ist bewusst, dass der Text in Teilen nur eine binäre Perspektive darstellt. Hier geht es um die Erläuterung einer patriarchalen Geschlechterdynamik mit einem binären “Mann”-“Frau”-Gefälle, obwohl das längst nicht alle Menschen umfasst.

Bild: Unsplash

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