Viel wurde in den letzten Jahren über Care-Arbeit gesprochen und dafür gekämpft, dass Männer davon mehr übernehmen. Es gibt jetzt einen Equal Care Day – kein Feiertag, aber immerhin ein Tag, der viel Erwähnung in den Medien findet. Dass Frauen sich eher um Kinder kümmern als Männer, dass die Pflege von Angehörigen eher bei ihnen hängen bleibt, das hat auch die Corona-Krise deutlich hervorgebracht. Soziologin Jutta Allmendinger befürchtet, dass Frauen, alleine, weil sie sich in dieser Zeit nicht um ihre Karriere, sondern um ihre zu Hause beschulten und zu betreuenden Kinder kümmern müssen, 30 Jahre zurückgeworfen werden. 

„Care“ ist Englisch und hat zwei verschiedene Bedeutungen. „to take care of someone“ bedeutet, sich um jemanden zu kümmern. Das kann Einkaufen, Kochen, Hausaufgabenbetreuen, Windelwechseln oder Elternabendewahrnehmen sein. Diese Art von „Care“-Arbeit ist eine, die man gut auflisten und zwischen verschiedenen Menschen aufteilen kann: Papa geht zum Elternabend, Mama bestellt den Klempner wegen der kaputten Waschmaschine. Es gibt aber auch den Begriff „to care“, der „sich sorgen“ bedeutet. Und hier wird das mit den Strichlisten und der Aufteilung sehr schwierig.

Denn wie genau ist das, im Corona-Lockdown und Home-Office, wenn ich sehe, dass mein Kind immer trauriger wird? Wer steht dann vom Computer im Wohnzimmer auf, um das Kind in den Arm zu nehmen, es zu ermutigen, dass es die Hausaufgaben schaffen und seine Freund*innen bald wieder sehen wird? Wer überlegt sich ein lustiges Spiel für den Abend, damit die oder der Kleine wieder lacht? Wem ist es dringlicher, dieses Kinderlachen zu hören? Wer motiviert die große, schon jugendliche Schwester, die sich am liebsten ganz aus der Familie herausziehen möchte, mitzumachen? Und wer ist, weil neben der Arbeit den gesamten Tag mit einem Ohr dem Kind zugehört und sich gesorgt wird, zu müde, abends noch motivierend und zugewandt zu sein – und rafft sich meistens trotzdem auf?  

Die meisten von uns würden aus Erfahrungswerten wahrscheinlich „die Mutter“ antworten, und tatsächlich besagen Studien, dass Mütter mehr emotionale Sorgearbeit, also „mentale Last“ ( = mental load, engl.) übernehmen als Väter. Wir finden ausreichend Studien, die besagen, dass Frauen das ja auch besser können. Es gibt jedoch genauso viele Studien, die belegen, dass Empathie-Fähigkeit nur zu einem sehr geringen Prozentteil genetisch bedingt ist, sondern vor allem auf Sozialisation beruht. 

Schauen wir uns einmal an, wie Mädchen sozialisiert werden: „Ist das deine Puppe? Oh ist die hübsch! Hat die heute schon was gegessen? Decken wir die jetzt schön zu, damit sie gut schlafen kann?“ An den Jungen gewandt: „Cooler Schuss! Komm Schatz, mach noch mal! Tob dich aus!“ Wir können das Beispiel bei Pinkstinks nicht oft genug bemühen: Aber während auf Kinderprodukten der Junge meist in Bewegung, abgewandt vom Betrachtenden in seiner eigenen Welt vertieft ist, werden uns Mädchen als stets zugewandt, devot und uns jede Sorge von den Lippen ablesend präsentiert. Warum das unserer heutigen Gesellschaft und Wirtschaft enorm hilft, könnt ihr hier lesen.

Mädchen auf Produkten lächeln meist die Betrachtenden an und sind sehr schlank. Jungs auf Produkten sind meist in Aktion verhaftet und interessieren sich nicht für die Betrachtenden, sie sind auf ihren nächsten Schritt konzentriert.

Wenn wir also davon ausgehen, dass Erziehung diese unterschiedlichen Herangehensweisen von Männern und Frauen an den Haushalt prägt, brauchen wir Väter, die Empathie-Fähigkeit und Verantwortungsbewusstsein für die Nöte der Kinder im Erwachsenenalter ausbilden. Neben der Sorge um die Kinder muss die Frau also noch mehr Erziehungsarbeit leisten. Könnte es da nicht Listen geben, die helfen? Wie könnten die aussehen?

Unter Equal Care Day gibt es eine Liste und einen Selbsttest, die sehr gute Anregungen geben. Sie könnten jedoch ergänzt werden um die Dinge, die sich so schwer quantifizieren lassen und für die es keine klaren Gebrauchsanweisungen gibt: 

  1. Ich checke einmal die Stunde (Uhr stellen), wie die Stimmung meines Kindes ist und überlege, ob ich mich um das Kind kümmern muss
  2. Ich plane die Familiensituation für den Abend: Spiel spielen? Basteln? Film schauen? Jede*r für sich vor dem Smartphone? Wie viel von jedem in der Woche? 
  3. Ich mache mir nicht nur eine Liste mit den Namen der besten Freund*innen des Kindes sondern auch, warum es das jeweilige Kind so gerne hat und was es gerne mit ihm spielt. Ich frage regelmäßig nach, wie es diesen Kindern geht und was mein Kind in letzter Zeit mit ihnen erlebt hat.
  4. Ich bringe mein Kind nicht nur zum Kindergeburtstag, sondern überlege, wie es sich dort fühlen wird, ob es Vorbereitung braucht und ob wir ein Geschenk gekauft haben, mit dem sich mein Kind wohl fühlt. 
  5. Ich überlege, wie meine Stimmung zu Hause ist, wie ich mich gegenüber dem anderen Elternteil verhalte und wie sich die auf das Kind auswirkt. 

Diese Liste kann um die typischen Diskussions- und Fallstricke im jeweiligen Haushalt ergänzt werden und zeigt: Über Nacht lernt sich das Mitdenken in der Sorge nicht so leicht. Auch Sensibilisierung dafür ist Arbeit. Deshalb ist es wichtig, wenn wir die neue Generation Männer schon empathisch erziehen: Damit der Beziehungsstress, das Gefühl der Unzulänglichkeit und die Schwierigkeiten der Selbstreflektion gar nicht erst auftreten müssen. Das wäre ein großer Schritt zu mehr Zufriedenheit und Gleichberechtigung.

NDR

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