Das war letzten Donnerstag ein ganz schöner Schock: Von Vielfalt feiern in Berlin zurück vor den Bildschirm zu Germany’s Next Topmodel, um sich anzuschauen, wie nach dem ersten Unterwäscheshooting überraschenderweise das nächste kommt und die Kandidatinnen mit klebrigem Sirup übergoßen werden. Am Samstag dann vor Verwunderung über den Essay von Tanja Rest zu GNTM in der Süddeutschen die Augen reiben. Woher der Hass kommt, möchte die Autorin wissen. Und weiß, dass „nicht jedes dünne Mädchen magersüchtig ist“. Aber der Reihe nach, Schritt für Schritt.

1.
Wir sind froh, dass die Süddeutsche das Thema GNTM aufgreift. Das gibt uns die Gelegenheit, uns dazu erneut zu positionieren und wichtige Punkte zu benennen. Wir finden auch (insbesondere im Sinne der Presse- und Meinungsfreiheit), dass man zu dem Thema unterschiedlicher Meinung sein und sie vertreten kann. Allerdings sind wir auch ein bisschen überrascht. Letztes Jahr hat sich die Süddeutsche dem Thema noch ganz anders genähert – und zwar, indem sie darüber berichtet hat, wie sich betroffene Essgestörte die Sendung anschauen und ihre Eindrücke schildern.

2.
Wir hassen Heidi Klum nicht. Wir kritisieren Heidi Klum nicht als Privatperson. Das steht uns weder zu noch kennen wir sie dafür gut genug. Wir kritisieren Heidi Klum auch nicht als Model. Wir kritisieren sie ausschließlich als Verantwortliche für die Sendung (ihre jeweiligen Mitjuroren übrigens auch). Die Frage, warum unsere Kritik Heidi Klum besonders in den Fokus nimmt ist schnell beantwortet.

Heidi

Germany’s Next Topmodel by Heidi Klum. Wir haben uns weder den Slogan noch das Konzept der Sendung ausgedacht, wir reagieren  nur darauf.

3.
Wir finden es nicht super, uns das anzuschauen. Mindestens eine*r aus dem Team guckt sich die Folgen aber an, weil wir wissen müssen, worüber wir sprechen. Es wäre unprofessionell und unfair der Sendung und ihren Macher*innen gegenüber, wenn wir GNTM quasi nur aus der Konserve kritisieren würden und über längst vergangene Staffeln sprechen. Sonst wüssten wir zum Beispiel gar nicht, dass in dieser Staffel nicht mehr so offensiv für die Kamera gegessen wird wie in den vergangenen beiden Jahren. Kein Kuchen für die Jury, kein Döner für Heidi.

Aber die IZI Studie von Maya Götz über den Zusammenhang der Sendung mit essgestörtem Verhalten droht ja auch nicht gerade, das Format in ein schlechtes Licht zu rücken. Darüber hinaus versuchen wir so oft wie möglich live zur Sendung zu twittern. Das haben wir letztes Jahr im Zuge unserer Heidiwatch erfolgreich gemacht und sind – als klar war, dass es noch eine Staffel gibt – vielfach darum gebeten worden, dies wieder zu tun.

4.
Wir hätten da auch ein paar unbequeme Wahrheiten.

„Laufstegkleider sehen an dünnen Frauen besser aus.“
Nehmen wir an, das wäre so. Wachsen Laufstegkleider auf Bäumen oder fallen die vom Himmel? Wollen wir uns wirklich darüber unterhalten, dass diese Kleider gar nicht anders geschneidert sein könnten? Oder sollten wir nicht lieber doch darüber reden, wieso Designer*innen selbst die Körper von schlanken Frauen noch so weit verschlanken müssen, bis Beine herauskommen, auf denen man nicht mehr gehen könnte?

Beyonce

„Einige der GNTM-Kandidatinnen hätten im echten Model-Business keine Chance, weil sie nicht dünn genug sind.“
Das stimmt zweifellos, macht das Problem aber nicht kleiner sondern größer. Hinter einer Sendung, in der vor einem Millionenpublikum junge Frauen dazu aufgefordert werden, „ihre Bäuche einzuziehen“, obwohl sie so schlank sind, dass das nicht möglich ist, und „bei denen nichts schwabbeln darf, weil alles straff sein muss“ steht also eine Industrie, die teilweise noch krassere und körperfeindlichere Maßstäbe anlegt. Inwiefern hebt die Kritikwürdigkeit des einen die des anderen auf? Uns geht es um die Breitenwirkung der Sendung. Wir erinnern uns: GNTM-Maße werden jetzt schon 8-12 Jährigen nahegelegt – mit fatalen Folgen. Uns geht es aber auch darum, wie in dieser Sendung mit den Kandidatinnen umgesprungen wird.

„Nicht jedes dünne Mädchen ist magersüchtig.“
Das hat nie jemand behauptet. Und nur damit das klar ist: Wir sind die, die sich auch diesbezüglich gegen jede Form von Shaming aussprechen.

Wir sind die, die Journalist*innen darauf aufmerksam machen, dass man die Kandidatinnen nicht als doof bezeichnen sollte.

„Magazine mit korpulenten Frauen auf dem Titel verkaufen sich nicht.“
Stimmt, das ist wie damals bei „Brigitte ohne Models“. Ach nee halt, da haben die Labels keine Größen über 34 rausgegeben, so dass Brigitte keine Fotoserien produzieren konnte, und wenn die Größen dann rausgegeben wurden, war es schon zu spät. Man muss sich das mit der zwingenden Logik der überschlanken Normschönheit nur lange genug einreden, dann glaubt man auch dran.

„Wenn Ihnen Dior gehörte, würden Sie korpulente Frauen auf den Laufsteg schicken?“
Ähm, ja. Bingo, genau, richtig, 100 Punkte, Volltreffer, auf jeden, so wird’s gemacht.

Blanca

Dann wird noch „Gelassenheit“ in dem Essay angemahnt. Wir geben gerne zu, dass wir nicht besonders gelassen sind. Wir schauen genau hin, wir regen uns auf, wir machen Druck – das wirkt alles nicht besonders cool und abgeklärt. Dafür sind wir aber auch nie angetreten. Wir sind hier, weil durch Sendungen wie GNTM Sehgewohnheiten zum Negativen verändert und Frauenkörper abgewertet und problematisiert werden. Wir sind hier, weil wir es befremdlich finden, dass ProSieben zur Primetime Minderjährige sexualisieren darf, indem es sie in Unterwäsche mit Sirup übergießen lässt, aber die gleichen Minderjährigen in den Anschlusssendungen (nach 22 Uhr) aus Jugendschutzgründen nicht auftreten dürfen. Wir sind nicht hier, weil wir alle gesellschaftlichen Probleme hinsichtlich überzogener Schönheitsideale auf GNTM oder „die Schönheitsindustrie“ schieben wollen. Wir sind aber auch nicht hier, um so zu tun, als würden keine Manipulationsversuche unternommen, um uns unzufrieden und kaufbereit zu halten.

Um unsere Körper um jeden Preis zur Projektionsfläche für Produktanwendungen zu machen.

Und was den Vorwurf der Scheinheiligkeit angeht: Liebe Tanja Rest, wenn Sie für Erwachsene uneingeschränkt das „Prinzip des mündigen Konsumenten“ geltend machen, wieso plädieren Sie dann an anderer Stelle für die Quote? Wieso dürfen Sie in diesem Zusammenhang Studien zitieren, während Sie das bei uns irgendwie lächerlich finden. Wieso fordern sie für mündige Bürgerinnen und Bürger, die das ja wohl alles noch selbst entscheiden können, „einen großen, verbindlichen Schritt“? Tun Sie damit nicht so, als hätte Ihnen dieses Problem „eine ominöse Instanz eingebrockt“? Ist das nicht – na, wie heißt das Wort noch mal – scheinheilig?!

Die Frage scheint also weniger zu sein, woher unser Hass kommt (siehe oben). Die Frage ist vielmehr, warum Sie der von uns und anderen aufgezeigten Problematik gegenüber so gleichgültig sind.